Im Visier der Feministinnen

In der Kunsthalle Wien präsentiert die Schau Widerständige Musen Videokollektive, die sich in den 1970er-und 1980er-Jahren für die Rechte der Frauen engagierten

AUSSTELLUNGSKRITIK: NICOLE SCHEYERER
Lexikon, FALTER 15/22 vom 13.04.2022

Die Schauspielerin Delphine Seyrig wurde als eine der geheimnisvollen Schönheiten des französischen Kinos bekannt. Diesen Typus verkörperte sie in ihrem erfolgreichsten Film "Letztes Jahr in Marienbad" von Alain Resnais. Neben ihrer Kinokarriere startete die 1932 in Beirut geborene Pariserin noch eine andere Laufbahn: Die gelungene Schau "Widerständige Musen" in der Kunsthalle Wien präsentiert sie als feministische Aktivistin und Mitbegründerin eines Videokollektivs.

Die Wanderausstellung versammelt Dokumente des weiblichen Aufbegehrens. Ein technisches Medium wurde damals zum game changer für die Frauenbewegung. Die 1967 von Sony auf den Markt gebrachte Videokamera ermöglichte günstiges und unkompliziertes Filmen. In den Händen von Feministinnen bot die "Portapak" eine niederschwellige Gelegenheit, kritische Frauen sichtbar zu machen.

Die meisten der ausgewählten Videos entstanden für Konferenzen, didaktische Zwecke oder bewusstseinsbildende Gruppen. Die sogenannten "consciousness raising groups" hatten US-Feministinnen entwickelt und propagiert. Damals sei ein safe space entstanden, in dem Frauen endlich über ihre Benachteiligungen hätten sprechen können, schilderte die Kuratorin Nataša Petrešin-Bachelez. "Mit den Videos fuhren die Kollektive auch auf Märkte und zeigten sie in Lastwagen."

Gemeinsam mit ihrer Kollegin Giovanna Zapperi hat sie für die Schau die Bestände des Centre audiovisuel Simone de Beauvoir in Paris durchforstet. Dieses Archiv wurde 1982 von Seyrig und ihren Mitstreiterinnen gegründet, mit der berühmtesten Feministin der damaligen Zeit als Namenspatin.

Mit der Videokamera umzugehen lernte Seyrig in einem Kurs der Menschenrechtsaktivistin und Filmerin Carole Roussopoulos. Gemeinsam mit der Übersetzerin Ioana Wieder gründeten die beiden 1974 das Kollektiv Les Muses s'amusent ("Die Musen amüsieren sich"); später wandelten sie den Namen wortspielerisch in Les Insoumuses, also "Ungehorsame Musen", um.

Das Ziel von Frauengruppen wie den Musen war es, öffentliche Debatten anzukurbeln. Der Aktivismus der 1970erund 1980er-Jahre betraf Abtreibung, sexuelle Freiheit und gynäkologische Gewalt im Kreißsaal. Auch die Emanzipation von Sexarbeiterinnen und die LGBT-Bewegung kommen vor. Beeindruckend ist das Video "Y'a qu'à pas baiser" ("Hab einfach keinen Sex"), das die erste große Frauendemo in Paris 1971 zeigt. Parallel wird eine selbstorganisierte Abtreibung gezeigt, wie sie in Frankreichs Frauenbewegung eine gängige Praxis war.

Die Ausstellung präsentiert auch extravagante Kostüme, die Seyrig in den Avantgardefilmen von Ulrike Ottinger trug. Angesichts der stereotypen Rollen und der Frauenfeindlichkeit in der Filmwelt arbeitete die Schauspielerin immer öfter mit Regisseurinnen wie Agnès Varda, Chantal Akerman und Marguerite Duras zusammen. Seyrigs Filmschaffen wird in der aktuellen Schau aber nur gestreift. "Sei schön und halt die Klappe!", heißt ein Video von 1976, für das die widerständigen Musen mit 24 Schauspielerinnen sprachen. Die Fragen beantworteten etwa der Hollywoodstar Jane Fonda oder Maria Schneider, die am Set des Skandalfilms "Der letzte Tango von Paris" von Marlon Brando missbraucht worden war.

Die Interviewfragen sollten auch einen Reflexionsprozess in Gang setzen, etwa nach geschürter Rivalität: "Hast du jemals eine Szene mit einer anderen Frau gespielt, in der die andere Frau nicht Konkurrentin war?" Seyrig selbst bezeichnete die pionierhafte MeToo-Kompilation einmal als eine "Revanche an ihrem Beruf". Ein anderes Highlight der Schau stellt die Video-Persiflage "Maso und Miso fahren mit dem Boot" dar, mit dem Les Insoumuses auf eine Fernsehsendung reagierten.

Als Frankreichs damalige Staatssekretärin für den "Status der Frau" von einem bekannten Moderator mit misogynen Aussagen konfrontiert wurde, schnitt sie sich mit diplomatischen Antworten ins eigene Fleisch. Seyrigs Gruppe manipulierte den TV-Beitrag, etwa mit Zwischentiteln, um die haarsträubende Situation anzuprangern.

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Über den Tellerrand Europas blicken die Exponate im Ausstellungskapitel "Transnationale Kämpfe" anhand von Videos zum Vietnamkrieg, zur Black-Panther-Bewegung oder den Diktaturen Südamerikas. Eine Doku zeigt nichtstaatliche Frauengruppen, die sich 1985 in Nairobi parallel zur Weltfrauenkonferenz trafen. Jane Fonda verarbeitete ihre Reisefotos von vietnamesischen Frauen zu einer Diaschau.

Kaum zu ertragen ist Seyrigs Video "Inês" von 1974, in dem die von einer brasilianischen Oppositionellen geschilderten Folterungen nachgestellt werden. Die Szenen entstanden, um die Befreiung von Inês Etienne Romeu zu fordern, die aufgrund ihres Widerstands gegen die Militärdiktatur im Gefängnis saß.

Als Teil ihres Einsatzes für die Menschenrechte fuhr Seyrig 1976 mit einer Delegation auch nach Stuttgart, um sich für die inhaftierten Mitglieder der Terrororganisation RAF einzusetzen. Von dieser Reise ist das Video einer anschließenden Pressekonferenz erhalten.

Bunte Zeichnungen vollbusiger Damen überraschen gegen Ende der von SW-Film dominierten Schau. Die Bilder stammen von der Schweizerin Aloïse Corbaz (1886-1964), die vier Jahrzehnte ihres Lebens in Nervenheilanstalten verbrachte. Seyrig verkörperte die Künstlerin 1975 in dem Bio-Pic "Aloïse" von Liliane de Kermadec und wurde im Zuge dessen auf die Anti-Psychiatrie-Bewegung aufmerksam.

Die kurze Doku "Couleurs folie" von 1986 zeigt ein Treffen mit der (vormals schizophrenen) Malerin und Aktivistin Mary Barnes, bei dem sie sich über Wahnsinn, Kreativität und Hospitalisierung austauschen.

Was denn ihren Feminismus im Kern ausmache, wurde Seyrig einmal gefragt. Ihre Kommunikation mit anderen Frauen, sagte sie damals. "Frauen zuhören, mit ihnen sprechen Ohne das könnte ich nicht leben."

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