Doppelte Kreislaufwirtschaft

Bei dem Projekt „Nähwerkstatt der Nachbarinnen" werden Frauen aus migrantischen Communities zu Näherinnen ausgebildet, um alte Kleidung und Taschen zu flicken oder Upcycling-Produkte herzustellen. Das hilft vielen bei der Integration in den Arbeitsmarkt.

Nina Horaczek
FALTER.MORGEN, 02.05.2022

„Obwohl viele der Frauen zuvor nie erwerbstätig waren, finden zwei Drittel von ihnen durch dieses Projekt einen Job“, sagt Projektleiterin Scholten. © Nachbarinnen

Haben Sie ein Loch in Ihrer Lieblingshose, das Sie gerne geflickt hätten, aber keine Nähmaschine? Oder möchten Sie aus alten Stoffresten etwas Neues zaubern, trauen sich aber nicht alleine darüber? Dann buchen Sie sich doch einen kostenlosen Nähplatz in der Nähwerkstatt der Nachbarinnen. Dort helfen Ihnen Frauen, die aus Ländern wie Afghanistan, der Türkei, Syrien oder Tschetschenien stammen und bei den Nachbarinnen aus Recyclingmaterialien Taschen, Kleidung, Kosmetikbeutel und vieles mehr nähen.

Sie können sich für die Hilfe und ihre geflickte Hose bedanken, indem Sie Lernhilfestunde für Kinder spenden oder selbst etwas anbieten, das helfen kann. Schon ist ein doppelter Kreislauf gestartet: Aus Altem wird statt Mist etwas Neues und die Hilfe für Sie verwandelt sich in neue Hilfe für andere.

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Gerade jetzt, wo zahlreiche Menschen aus der Ukraine in Österreich ankommen, zeigen die Nachbarinnen, wie Integration funktionieren kann. „Jeder Mensch will sich nützlich machen, etwas gestalten, einfach mittun“, sagt Projektleiterin Christine Scholten. 2013 gründete die Ärztin deshalb gemeinsam mit der Sozialarbeiterin Renate Schnee dieses Selbsthilfe- und Kreislaufprojekt: Frauen aus migrantischen Communities absolvieren eine Ausbildung zu sozialen Assistentinnen und unterstützen danach Familien bei der Integration. Sie helfen bei Behördenwegen oder einen Arzt zu finden und organisieren für Kinder Lernhilfe. Es ist eine Hilfe zur Selbsthilfe – auf Augenhöhe und ohne sprachliche Barrieren. Mittlerweile betreuen die Nachbarinnen zwischen 300 und 400 Familien pro Jahr in Wien, um die achtzig Kinder kommen so zu einer Lernhilfe.

Weil aber wirklich frei nur ist, wer sein eigenes Geld verdient, starteten die Nachbarinnen ihre Nähwerkstatt. Die Entwürfe stammen von Studierenden der Textilklasse der Angewandten, die Frauen lernen hier das Nähen und bekommen auch einen Deutschkurs und kochen gemeinsam. Sieben Frauen sind derzeit in der Nähwerkstatt angestellt, insgesamt 25 Praktikumsplätze gibt es pro Jahr. „Obwohl viele der Frauen zuvor nie erwerbstätig waren, finden zwei Drittel von ihnen durch dieses Projekt einen Job“, sagt Scholten.

Wer die Näherinnen unterstützen möchte, muss nicht erst ein Loch in die Lieblingshose reißen. In einem eigenen Shop bieten sie ihre Upcycling-Produkte zum Kauf an. Und die Frauen freuen sich über Firmen, die ihnen alte Plastikplanen oder andere Stoffe schenken.

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