Festival mit Weltblick

Am 13. Mai eröffnen die Wiener Festwochen endlich wieder mit einer großen Party am Rathausplatz. Der Regisseur David Schalko gestaltet den Abend, bevor es heißt: Vorhang auf für sechs Wochen Theater, Tanz und Musik. Hier die Highlights

Martin Pesl, Sara Schausberger
FALTER:WOCHE, FALTER 19/22 vom 10.05.2022

Regisseurin Mónica Calle ist mit „Só Eu Tenho a Chave Desta Parada Selvagem“ wieder zu Gast beim Festival (Foto: Monica Calle)

Monolog statt Arie

Was tun mit Richard Wagners Antisemitismus? Wie umgehen mit dem Überlegenheitsgefühl des mächtigen weißen Mannes, der immer noch hoch verehrt wird? Der Regisseur Christopher Rüping und der Dramatiker Necati Öziri haben eine eigene Version des Opernzyklus entwickelt.


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Öziri nennt seine Texte nicht Überschreibungen, sondern Korrekturen. Das Stück, das am Schauspielhaus Zürich uraufgeführt wurde, heißt noch wie das Original. In Rüpings und Öziris „Der Ring des Nibelungen“ kommen allerdings nicht mehr die Wotans und Siegfrieds zu Wort, sondern die Randfiguren. Die Frauen dürfen sich emanzipieren. Etwa Brünnhilde, die im Jogginganzug verkündet, dass sie ab jetzt keine Walküre mehr sein möchte. Oder die Riesen, die im Duett einen hammermäßigen Monolog über Gastarbeit sprechen. Und Alberich erzählt, wie man irgendwann zum Zwerg wird, wenn sie einen nur lang genug runtermachen.

Am Mischpult steht der New Yorker DJ Black Cracker. Jeden Abend gestaltet er die eigens für die Inszenierung komponierte Musik live auf der Bühne. Es sind keine Opernstücke, sondern zeitgenössische Nummern mit Anleihen aus Hip-Hop, Pop und Elektronik. Mit Wagner hat das alles nicht mehr viel zu tun. Gut so!

Museumsquartier, Halle E, 1. bis 6.6., 19.00


Tanz der Polyphonie

Gleich mehrere Projekte der diesjährigen Festwochen stellen die menschliche Stimme in den Mittelpunkt. Die bildende Künstlerin Ulla von Brandenburg setzt Arnold-Schönberg-Lieder in Szene; die Sängerin und Komponistin Sofia Jernberg entwickelt Neuarrangements von Hymnen und Klageliedern. Die Grenze zwischen Gesang und Tanz überschreiten François Chaignaud und Geoffroy Jourdain mit ihrem gemeinsamen Stück „tumulus“.

Chaignaud ist eigentlich Tänzer und Choreograf. Seit einigen Jahren begeistert er allerdings mit Performances, in denen er auch singt. 2019 ist er etwa mit seiner wunderbaren Interpretation von Hildegard-von-Bingen-Liedern bei den Festwochen aufgetreten.

Der Dirigent und Musiker Jourdain leitet das Ensemble Les Cris Paris. In „tumulus“ stehen polyphone Melodien im Zentrum. Diese seien magisch, sind sich Chaignaud und Jourdain einig. In der Polyphonie gibt es keine Hierarchien, alle Stimmen sind gleichwertig. 13 Performerinnen und Performer interpretieren im Eröffnungsstück der Festwochen auf einem Hügelgrab Lieder vom Frührenaissance-Meister Josquin Desprez bis hin zu Claude Viviers 1971 komponierter „Musik für das Ende“. Sie treten in einen Dialog mit der Geschichte: tänzerisch und mit ihren Stimmen.

Museumsquartier, Halle E, 14. bis 16.5., 20.00


Politische Choreografien

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Tanz mit politischem Unterfutter: Diesen Anspruch erfüllen heuer gleich mehrere Festwochen-Produktionen. Den Auftakt macht der brasilianische Starchoreograf Bruno Beltrão, für den das Label politischer Tanz ganz besonders gilt. Seine Arbeiten scheinen mit der Zeit den flüssig berieselnden Gleichtakt immer mehr zu verweigern, ebenso wie Titel.

Beltrãos neueste „New Creation“, die zu Ostern am Frankfurter Mousonturm ihre Uraufführung feierte, bringt zehn Tänzerinnen und Tänzer auf leisen Sohlen – die meisten tragen tatsächlich Socken – in krass wechselnden Lichtstimmungen zu den verschiedensten rätselhaften Szenen zusammen. Jede, oft sehr kleine Bewegung scheint nach einem undurchsichtigen Prinzip die nächste zu provozieren, eine latente Aggression liegt in der Luft, bricht sich aber nie ganz Bahn. In den Köpfen des Publikums entsteht eine vage Vorstellung über das unangenehme Leben unter dem brasilianischen Trump, Präsident Jair Bolsonaro.

Beltrãos Landsfrau Lia Rodrigues zeigt dann – nach ihrem Festwochen-Besuch mit „Fúria“ 2019 zu schließen – vermutlich furioseren Tanz („Encantado“, 29. bis 31. Mai, Odeon), und die Marokkanerin Bouchra Ouizgen begehrt mit ihrer Choreografie für lauter Frauen gegen die Stressgesellschaft auf („Éléphant“, 6. bis 8. Juni, Odeon).

Museumsquartier, Halle G, 24. bis 28.5., 20.30


Packendes Doku-Theater

Ist das hier ein Raum? Diese scheinbar unsinnige Frage lässt sich nur im Kontext der höchst bizarren Vernehmung verstehen, der sich eine Amerikanerin namens Reality Winner im Juni 2017 unterziehen musste. FBI-Agenten standen vor ihrer Tür und wollten ihr Haus untersuchen, denn Frau Winner stand unter Verdacht, geheime Informationen geleakt zu haben.

Das Stück „Is This a Room“ der New Yorker Truppe Half Straddle ist ein wörtliches Reenactment des Tonmitschnitts, den einer der Beamten – im Sinne der Transparenz, schließlich machten sie nur ihren Job! – von der Begegnung mit Frau Winner anfertigte. Die Datei ist in den USA öffentlich zugänglich, und die Regisseurin Tina Satter ließ sie ihr Ensemble Wort für Wort lernen. Alle Versprecher und Ähs werden ungeglättet in die Körper der Spielerinnen und Spieler übersetzt. Die Bilder, die Satter wählt, sind dagegen alles andere als realistisch, sie übersetzen die groteske Szene in Theaterkunst.

Und da dieser fantastische Doku-Thriller nicht weniger spannend ist, wenn man das Ende weiß (das sich, da Realität, leicht googeln lässt): Reality Winner wurde nach dem Spionagegesetz zu einer unverhältnismäßig langen Haftstrafe verurteilt. Als das Stück 2019 in New York Premiere hatte, saß sie noch ein. Inzwischen ist sie frei.

Museumsquartier, Halle G, 13. bis 16.6., 20.30, und 16.6., 15.00


Auftritt der Bühnenbilder

In Jozef Wouters Stück „Infini 1–18“ läuft die Theatermaschinerie mit Hochdruck: Ein Bühnenbild nach dem anderen tritt auf. „Welche Landschaft würdest du heute gerne in einem klassischen Theater zeigen?“, fragte Wouters all jene Künstlerinnen und Künstler, die er bat, jeweils eine Kulisse zu seiner Show zu gestalten. Für die Aufführung bei den Festwochen ergänzt die Choreografin Amanda Piña die Sammlung mit einem „infini“.

Volkstheater, 2. bis 4.6., 19.00


Parade des Scheiterns

Ihr Stück „Ensaio para uma Cartografia“ war der Überraschungshit der Wiener Festwochen 2019. Zwölf Frauen stehen darin auf der Bühne und machen in ständiger Wiederholung Sachen, die sie eigentlich gar nicht können: Musikinstrumente spielen oder Ballett tanzen. Heuer ist die portugiesische Regisseurin Mónica Calle wieder zu Gast beim Festival, diesmal mit einer Arbeit nur für Männer. Nackt tanzen sie in „Só Eu Tenho a Chave Desta Parada Selvagem“, bis sie vor Erschöpfung umfallen.

Jugendstiltheater am Steinhof, 16. bis 18.6., 20.30


Analoge Digitalität

Minimale Musik trifft maximale Bildgewalt, so muss man sich das Zusammentreffen des Virtual-Theater-Duos Susanne Kennedy und Markus Selg mit der Kultoper „Einstein on the Beach“ von Philip Glass aus dem Jahr 1976 vorstellen. Vier Stunden dauert ihre Inszenierung, „individuelle Pausen sind jederzeit möglich“. André de Ridder dirigiert. Es geht einerseits um nix, andererseits um Albert Einstein. Könnte genial werden.

Museumsquartier, Halle E, 10.6., 19.00, und 11.6., 18.00


Welturaufführung mit Lokalkolorit

Wie bringen wir Fiktion in den Alltag? Diese Frage stellen sich Pablo Gisbert und Tanya Beyeler, seit sie 2010 El Conde de Torrefiel gegründet haben. Ihr Markenzeichen: Tableaus mit ganz normalen Menschen, die Alltägliches tun, dazu Übertitel, die eine komplett gegensätzliche Geschichte erzählen. Bei den Festwochen feiert das lang erwartete neue Stück „Una imagen interior“ seine Welturaufführung, mit mehreren Wienerinnen und Wienern auf der Bühne.

Museumsquartier, Halle G, 18. bis 21.5., 20.30


Auftritt der Killerroboter

Bürgerversammlungen, bei denen alle ihre Meinung sagen, sind oft mühsam genug. Jetzt stellen Sie sich vor, es redet auch noch die künstliche Intelligenz mit. Das Back to Back Theatre, ein Ensemble aus Schauspielprofis mit Behinderung, spielt dieses Szenario in „The Shadow Whose Prey the Hunter Becomes“ durch. Kann das gut gehen, oder besiegen uns am Ende die Killerroboter? Einigermaßen sicher ist nur, dass die charismatischen Aussies einen klugen, originellen und unterhaltsamen Abend im Gepäck haben.

Theater Akzent, 1. bis 3.6., 20.00


Sexpositive Gesellschaft

Sex ist politisch. In Michiel Vandeveldes „Joy 2022“ ergründen Ensemblemitglieder der Münchner Kammerspiele und Akteurinnen und Akteure der Sexpositivity-Szene das heutige Verständnis von Sexualität. Vandevelde arbeitet an der Schnittstelle von Theater, Tanz, Performance, Komödie und Tragödie.

Sowohl beim Donaufestival als auch bei Impulstanz war er in den vergangenen Jahren mit berührenden Abenden zu Gast, etwa mit dem Tanzstück „The Goldberg Variations“.

Volkstheater, 11. und 12.6., 20.00


Wiener Festwochen:
13. Mai bis 18. Juni
Information und Karten:
www.festwochen.at

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