Der größte Rumms der Welt

Obwohl angeblich niemand ihre Platten hört, haben Scooter 30 Millionen Stück verkauft. Am Freitag wird der friesische Megafonkünstler H.P. Baxxter die Wiener Stadthalle auseinandernehmen. Hingehen ist keine Schande!

Lukas Matzinger
FALTER:WOCHE, FALTER 21/22 vom 24.05.2022

Foto: Emil Levy

Wenn sie in die Mongolei kommen, kappt der Minister für Außenhandel den Strom ringsum, damit die Herren bei Licht dinieren können. Wenn sie nach Russland kommen, übertragen Radio- und Fernsehstationen ihre Ankunft am Flughafen live. Wenn sie nach Island kommen, gehen über fünf Prozent der Landesbevölkerung zum Konzert. Und wenn sie nach Wien kommen, ist die größte Halle des Landes für sie reserviert.

Am Freitag spielt die Nichtband Scooter in der gut gefüllten Stadthalle, zu bestaunen ist kein bisschen weniger als eine der erfolgreichsten Gruppen im deutschen Musikgeschäft.


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Auf wundersame Weise überleben die als peinliche Saisonniers geltenden Megafonartisten ihre Kritiker seit 29 Jahren. Mehr als 30 Millionen Platten haben sie verkauft, obwohl kaum ein mündiger Bürger zugibt, eine zu besitzen. Jetzt sind Scooter mit einem neuen Strauß geklauter Melodien, Autodrombeats und von der Bürde jedes Sinns befreiter Reime auf „God Save the Rave“-Tour.

Künstler ist, wer Botschaften der Seele nach außen trägt, wer Bedeutung in Ästhetik kleidet. Und dann gibt es Scooter, die vielleicht hartnäckigste Eintagsfliege des Pop. Eine Weltmarke gewordene Bad-Taste-Party, zu der man ironisch geht, aber die man beseelt verlässt. Vielleicht vermag ein Konzertbesuch die Anziehungskraft erklären.

Abende mit Scooter sind ernsthafte Gefechte gegen die Sinneskanäle. Die Lautstärke hörsturzwürdig, Tänzerinnen mit freigelegten Pobacken, je schwächer das Lied, desto mehr Pyrotechnik knallt über den Köpfen. Und in der Mitte stampft dieser wildgewordener 58-jährige Ostfriese, der auf Wodka-Red-Bull herumschreit, bis er (manchmal) Infusionen mit Kortison, Penicillin et cetera braucht.

Der blonde Riese H.P. Baxxter, der mangels Ambitionen in jener Disziplin nicht Sänger, sondern Feldschreier genannt werden muss, ist Herz, Haupt und Hoden dieser Band. Bei manchen Auslandskonzerten ließen Securitys die zweiköpfige, wechselnde Rhythmusgruppe hinter ihm gar nicht mehr auf die Bühne: „No, no, only Scooter!“

Dabei wäre H.P. Baxxter so vieles lieber gewesen als die größte Eurodance-Gliederpuppe der Welt. Die Biografie des Hans Peter Geerdes ist so unwahrscheinlich wie der obszöne Erfolg seiner Band.

Lange Zeit wusste er als Einziger, dass er ein Popstar ist. Der Bauernbub war schlecht in der Schule und im Sport, das verdeckte er mit Kajal und Lippenstift. Er sang Deep-Purple-Lieder in der Schülerband und ging mit Zylinder und so langen Haaren durchs Heimatstädtchen, dass ihm die Mutter Geld fürs Abschneiden bot. Hans Peter war immer ein menschlicher Leuchtturm, ganz und gar nicht wie die anderen im Norden Deutschlands, die ihn bald für schwul hielten.

„Sänger sucht Keyboarder“, „Keyboarder sucht Sänger“, inserierten er und ein Mann, der später Rick Jordan hieß, 1986 in einer Ausgabe der Hannoveraner Kleinanzeigenzeitung. Jordan rief an, Baxxter hob ab: „Hier ist H.P.“ Mit ihrer folgenden Band Cele­brate the Nun begann ein Scheitern nach oben.

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Unter schwarzen Pailletten wollten sie düstere englische New-Wave-Musik (wie von New Order oder Depeche Mode) imitieren. Doch für Synthiepop kamen sie Jahre zu spät, kaum jemand wollte um 1990 ihre Platten kaufen. Weil Baxxter nicht länger von Toastbrot mit Diskontsalami leben wollte, gab er auf und wurde der einzige geschminkte Telefonverkäufer im Regionalbüro Nord- und Ostdeutschland des Hamburger Musiklabels Edel.

Zu jener Zeit, in den frühen 1990er-Jahren, erblühten die großen Raves, in Industriehallen wich musikalische Authentizität dem chemieunterstützen Exzess. Die frühe Tanzhymne „What Time Is Love?“ der britischen Künstlergruppe The KLF nennt H.P. Baxxter als Erweckungserlebnis: Sprechgesang, Acid Bass, dieser sägend hohe Refrain. Auf einen Schlag war der Sonderling noch sonderbarer.

The KLF waren Avantgardisten, für ästhetische Raffinessen fehlten Baxxter aber damals Kenntnis und Geschmack. Mit Schlaghose und Wasserstoffhaar, mit Koffeintabletten und dem japanischen Red-Bull-Vorreiter Lipovitan fuhr er zu jedem erreichbaren Durchschnittsrave.

Bis die große Stunde schlug: Sein Arbeitgeber hatte den Techno-Boom gewittert und bat den Raver Baxxter um Remixes angesagter Lieder, deren Lizenz im Original zu teuer war. Die Produktionen von ihm und seinem Ex-Bandkollegen Rick Jordan waren okay, sogar belohnt mit einer ersten Auftrittsanfrage. Und an jenem Abend im Jahr 1993 sollte Baxxter zum ersten Mal von seinem Pop-Spürsinn Gebrauch machen.

Weil ihm die Instrumentalstücke auf der Bühne nichts zu tun gaben, hustete er einfach Phrasen ins Mikrofon, die er bei irgendeinem seiner Tanzfeste aufgeschnappt hatte: „Hyper, Hyper!“

Ist doch logisch: Beats reichen nicht, der Mensch springt auf Stimmen an. Und das Publikum drehte durch an jenem Abend, so ein bedrohlich zappelnder Freibadanimateur war mit niemandes Erfahrung in Einklang zu bringen.

Baxxter und Jordan fuhren heim, zerschnipselten eine Technonummer, legten das Publikumsgeschrei eines Genesis-Live­albums darunter, der Große bellte die bewährte Parole, und fertig. Die Scooter-Single „Hyper, Hyper“ hat sich allein in Deutschland 700.000-mal verkauft, H.P. Baxxter war nun auch für das Teeniemagazin Bravo ein offizieller Popstar.

Und doch war er ein zweites Mal gescheitert: In den 1980ern ist kein New-Wave-Gott aus ihm geworden, nun distanzierten sich seine geliebten Raver vom Hampelmann. Scooter bekamen nur Auftritte in Mainstreamdiscos, den Technoleuten galten sie als Nestbeschmutzer, die das liturgische Ekstasegefühl eines Raves durch größtmögliche Verplumpung an Ballermann-Flügler verscherbelten.

Scooter war immer ein flacher Witz der Popgeschichte. Zu einer Zeit, als aus Norddeutschland schwermütige Gitarrenbands wie Blumfeld und Tocotronic kamen, als ein erlesener Musikgeschmack nach den oberflächlichen 1980er-Jahren zur Selbstachtung gehörte, verzichteten diese Typen frech auf Substanz und Stilgebote.

Doch wer H.P. Baxxter auf den törichten Berufsfeierer reduziert, der gleichgeschaltete Massen befehligt, verkennt seine genialen Momente im Studio. Obwohl scheinbar jeder zu jeder Zeit Scooter blöd fand, wird die Band mehr Singles in die Top Ten der deutschen Charts bringen (24) als jeder andere Künstler dieses Landes.

Der Marginalaufwand hinter Scooter-Songs hat sich seit 29 Jahren kaum verändert, Trumpf ist der pointierte Einsatz der Widerspruchspaare laut/leise, langsam/schnell, hart/weich, mit vorausgesagter Überwältigung an den Übergängen. Am Anfang steht eine im Trend liegende Beatfolge, um etwas Extra-Rumms ergänzt. Darauf ein tragfähiger, weil schon bekannter Refrain, vom bretonischen Volkslied „Son ar chistr“ aus dem Jahr 1929 bis zum Supertramp-Pophit „The Logical Song“ von 1979.

Dann eine beliebige Irritation, Dudelsack, Flöte, irgendwas, gerne die Schlumpf-Stimme, die entstand, wenn Rick Jordan Passagen halb so schnell einsang und das Tempo am Computer hochdrehte. Und, um sich irreversibel im Hörer festzukrallen, noch eine Sinnlos-Losung von H.P. Baxx­ter, die so flachköpfig ist, dass sie als weise gelesen werden kann.

Irgendwo liest der Kerl ein Wort auf, das englische Reimlexikon liefert ihm ein dazu passendes. Zusammenhänge zu anderen Versen sind optional, Baxxters Kommandos leben von Wortklang und Überraschungsmomenten. Auch wenn das nach Verständigungsversuchen von All-inclusive-Urlaubern klingt: An Zeilen wie jenen in der Infospalte haben sich schon kundigste Lyrikdeuter zu schaffen gemacht.

So arbeitet H.P. Baxxter seit fast 30 Jahren mit überliefertem Rezept am perfekten Plastikmusikohrwurm. Er betrachtet seine Werke ehrlicherweise als Ware, als handliche Entertainmentgeräte, die einfach funktionieren sollen.

Der Popkanon ist ihm ein Selbstbedienungsladen: Als 2008 die schnelle elek­tronische Musikrichtung Jumpstyle modern wurde, gingen Scooter mit „Jumping All Over the World“ auf Nummer eins in Großbritannien, ihr neuester Hit, „The Spell Remains“, ist nur eine Abwandlung eines Drum-and-Bass-Schlagers aus dem Jahr 2019.

Ein ungelistetes, aber wichtiges Bandmitglied ist der Urheberrechtsanwalt Stefan Beutler. Für das Bedienen am „Logical Song“ musste Scooter der US-amerikanischen Softrock-Band Supertramp 2002 als Schadenersatz 70.000 Euro überweisen. Das soll sich nicht wiederholen.

Es mag nicht das sein, wovon der Düstersänger oder Reinheitsgebots-Raver H.P. Baxxter einst träumte, aber in Scooter kann er seiner Bestimmung als Popstar freien Lauf lassen: Der Mann bewohnt eine englisch hergerichtete Jugendstilvilla im Naturschutzgebiet Duvenstedter Brook im Nordosten Hamburgs. Darin tiefrote Vorhänge, ausgestopfte Antilopen und Renaissancegemälde, davor je nach Laune vier bis zehn britische Oldtimer.

Auf Tour offenbart er unsympathische Marotten, lässt sich gern vier Suiten im besten Schlosshotel reservieren, auf dass eine dabei sei, die ihm genehm ist. Zweimal am Tag rasiert er sich, aus Spaß am Quälen schickt er Tourmanager los, um längst nicht mehr erhältliche Produkte zu kaufen, wie Tri-Top-Limonade oder Strahler-70-Zahnpasta. Er zwingt sein Personal, sich vor Konzerten mit ihm Tiergärten anzusehen und die Nächte danach durchzutrinken.

In den Backstageräumen von Scooter stehen Musikanlagen, mit denen sich laut Fachleuten 2000-Leute-Hallen beschallen ließen. Aber im Vertrag steht eben: Wenn die Band nicht eine Stunde „Vorglühen“ mit endlos Lautstärke und Rauschgetränken bekommt, gibt es keine Show. Und wenn der Veranstalter im ukrainischen Odessa dafür zwei Paletten Red Bull aus der Türkei einfliegen lassen muss.

Im Osten sind Scooter überhaupt beliebt, von Budapest bis Kasachstan ist fast immer alles ausverkauft, H.P. Baxxter war das Media-Markt-Testimonial in Russland. Das liege daran, dass die Ostler nach dem Fall des Eisernen Vorhangs so gerne feiern wollten, glaubt er.

Doch wer sich mit der Unbedarftheit von All-inclusive-Urlaubern verständigt, sollte sich vor falschen Freunden hüten. Auf Einladung eines anonym bleibenden Veranstalters spielten Scooter einmal in einem russischen Edelrestaurant vor 50 Gästen und einigen Models in High Heels. Als alles vorbei war, bemerkte Baxxter, dass er für die höchste Gage der Bandgeschichte gerade das Geburtstagsfest des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB bespaßt hatte.

„Verbrechen mit schwerwiegenden rechtlichen Folgen“ nannte die ukrainische Justiz, dass Scooter 2017 auf der von Russland besetzten Schwarzmeer-Halbinsel Krim auftrat. Fast-Alleinunterhalter Baxxter bekannte sich intrinsisch unschuldig: „Das Ziel unserer Krim-Reise ist nicht, dort Politik zu machen. Wir wollen unseren dortigen Fans eine Show anbieten“, und trat auf.

Scooter verkörpern ja wirklich die Leichtigkeit des Seins, sie belästigen ihr Publikum nicht mit Gehalt, das schlägt nur auf die Laune. Eskalieren soll es, beim Vergessen soll es helfen, nicht zu ernst soll man sich nehmen. Die Kipppunkte in den Lieder gehen unverwandt in die Muskeln, der Körper schaltet auf Alarm. Effekthascherei ist einer der ältesten Tricks der Popmusik, das Abzielen auf niedere Sinne. Natürlich ist das alles platt, aber versuchen Sie einmal, so überzeugend platt zu sein.

Die Rezeption Scooters hat sich ohnehin zum Freundlichen gewandelt: Anfangs rief das Feuilleton „Prolltechno“, Kulturpessimisten fühlten sich bestätigt, „Einzeller im Cyberspace“ ist ein Zitat. Doch wer den Stumpfsinn über drei Jahrzehnte durchhält, einen Hit nach dem anderen rauskegelt, nimmt den empörtesten Widersachern die Lust.

Also erhob die Popkritik jene Klingeltonmusik zum Dada-Poesieerbe. Die Fassbinder-Schauspielerin Irm Hermann hat beim Donaufestival Krems 2008 Scooter-Übersetzungen verlesen, H.P. Baxxter ein Hörbuch mit Thomas-Bernhard-Erzählungen eingesprochen, die russische Pianistin Olga Scheps Variationen der Hits aufgenommen.

Scooter haben den Beweis erbracht, dass jede noch so triviale Kulturleistung irgendwann Anerkennung erfährt, wenn man nur den Gleichmut und die Eier hat, sie durchzuhalten. Einmal haben Scooter eine Marktforschung über sich in Auftrag gegeben, sie musste nach langwierigen Studien abgebrochen werden: zu breit sei die Zielgruppe.

Sie können davon ausgehen, dass am Freitag in der Stadthalle erlebnisorientierte Angewandte-Studenten mit Signaljacken die Hemmungslosigkeit mit 45-jährigen Quartalstrinkern teilen werden, die sich nur für einen Abend zurück in ihre liebste Jugendprovinzdisco wünschen.

In dieser Größenordnung können das nur Scooter. F


Scooter
Die Band entstand, nachdem der Techno-Remixer H.P. Baxxter 1993 bei einem Auftritt wiederholt „Hyper, Hyper!“ ins Mikro gerufen hatte. 29 Jahre später haben Scooter mehr als 30 Millionen Platten verkauft, keine deutsche Band hatte mehr Top-Ten-Singles in Deutschland (24). Der Name kommt von „Autoscooter“, also Autodrom, weil die Band ihr Werk anfangs selbst für Jahrmarktmusik hielt

Wiener Stadthalle, 27.5., 19.30 Uhr

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