„Die Geschichte ist da, in den Fassaden, den Straßen und auch den Menschen“

Die deutsche Regisseurin Ulrike Ottinger feiert 80. Geburtstag und ist mit einer Retrospektive im Österreichischen Filmmuseum zu Gast. Ein Gespräch über den Sehnsuchtsort Odessa, queeres Kino und die Marx Brothers

Michael Omasta, Sara Schausberger
FALTER:WOCHE, FALTER 22/22 vom 31.05.2022

Filme wie „Bildnis einer Trinkerin“ mit Tabea Blumenschein machten Ulrike Ottinger zu einer Pionierin queerer Filmkunst (Foto: Ulrike Ottinger)

Sie als Deutschlands bedeutendste Filmemacherin zu bezeichnen, wird Ulrike Ottinger nur bedingt gerecht. Denn das Kino macht seit jeher nur einen Teil ihres künstlerischen Œuvres aus, welches Fotografie, Malerei und Grafik ganz genauso umfasst wie das Inszenieren von Theaterstücken und Opern, die Gestaltung von Büchern oder Ausstellungen. Und immer war sie dabei ihrer Zeit voraus.

Ottinger erzählt so, wie sie Filme macht: maßlos ausschweifend und unglaublich präzise. 26 sind es bisher: von ihrer berühmten Berliner Trilogie – „Bildnis einer Trinkerin“, „Freak Orlando“ und „Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse“ – aus den 1980ern, die mit Stars der Szene wie Tabea Blumenschein, Delphine Seyrig und Magdalena Montezuma bevölkert waren und sie zur Pionierin einer queeren Filmkunst machten, über dokumentarische Erkundungen von Südosteuropa oder der Mongolei bis zu „Chamissos Schatten“, einer zwölfstündigen Reise an die Beringsee, oder zuletzt dem autobiografischen Zeitbild „Paris Calligrammes“, in dem sich die Filmemacherin an ihr künstlerisches Coming-of-Age im Frankreich der 1960er erinnert.


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Sie alle sind noch bis Ende Juni in einer umfassenden, Ottinger gewidmeten Retrospektive des Österreichischen Filmmuseums zu sehen. Hierzulande erstmals werden ihre Werke dabei in aufwendig digitalisierter (und englisch untertitelter) Fassung gezeigt.

Das Interview findet an einem sonnigen Frühsommertag statt, dennoch erscheint Ulrike Ottinger, die am 6. Juni ihren 80. Geburtstag begeht, stilvoll im hellgrauen Maßanzug, inklusive Gilet unter dem Jackett. Während des anderthalbstündigen Gesprächs schafft sie es auf wunderbare Weise, beide Interviewer mit ihrem direkten, warmen Blick gleichermaßen anzuschauen. Als würde sie ihre Aufmerksamkeit gerecht auf alle Anwesenden im Raum aufteilen.

Falter: Frau Ottinger, Sie haben vor 20 Jahren in der Ukraine den Film „Zwölf Stühle“ gedreht, der vor dem Hintergrund des Krieges heute eine eigene Aktualität bekommt. Was hat Sie an diesem Stoff fasziniert?

Ulrike Ottinger: Mich hat interessiert, wie es im alten Europa zugeht, und ich hatte den Eindruck, dass das damals überhaupt kein Thema bei uns war. Es schien eher so, als wären die Mauern nach dem Fall der Mauer höher geworden. Zumindest in der Öffentlichkeit war es so, als ob Südosteuropa gar nicht mehr zu Europa gehören würde. Das war der Grund, weshalb ich angefangen habe, mich sehr intensiv damit zu beschäftigen, mehrere ausgedehnte Reisen unternommen und 2002 den Dokumentarfilm „Südostpassage“ veröffentlicht habe. Irgendwann bin ich dabei auf den Roman „Zwölf Stühle“ von Ilja Ilf und Jewgeni Petrow gestoßen. Ich hab’ das im Sommer auf meinem kleinen Balkon in Berlin gelesen und konnte mich kaum halten vor Lachen.

Die zwei Autoren stammten aus Odessa, wo auch große Teile des Films entstanden sind. War das für Sie ein Sehnsuchtsort?

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Ottinger: Ja, ein Ort voller Verheißungen. Angekommen in Odessa, habe ich als Erstes eine Straßenbahn genommen. Straßenbahnen sind immer gut, weil sie zu den wichtigen Orten in einer Stadt führen. Ich hatte Joseph Roths wunderbaren Bericht über die Moldawanka, das Judenviertel in Odessa, gelesen. Die alten Kaffeehäuser mit den blinden Spiegeln und all den einstmals sehr luxuriösen Dingen existierten damals noch und hatten einen unglaublichen Charme. Als ich zwei, drei Jahre später nochmal hinkam, war das meiste davon schon weg.

Einer dieser verschwindenden Orte war das alte Filmstudio von Odessa. Haben Sie da auch drehen können?

Ottinger: Ich habe dort, wo früher Regisseure wie Dowschenko und Eisenstein arbeiteten, eine Casting-Session gemacht. Das ganze Studio – es liegt oben, am Ende einer dieser für Odessa so typischen großen Treppen – war völlig zerfallen, man konnte kaum hineingehen, weil der Boden sofort durchbrach. Als Studio funktionierte das natürlich überhaupt nicht mehr, aber als Drehort war es einfach fantastisch. Die Eisenstein-Statue war umgeben von einem Müllberg, in dem wilde Hundebanden lebten, die waren richtig gefährlich. Und am Ende kam man zu einem Riesenbassin, in dem hat Eisenstein für seinen Film einen Teil des Panzerkreuzers Potemkin aufgebaut – und in der Blickachse dahinter sah man das Meer. Fantastisch, das wäre ein eigener Dokumentarfilm gewesen!

Für eine Literaturverfilmung dringt sehr viel Dokumentarisches in den Film ein. Besonders reizvoll ist, dass sich verschiedene Zeitebenen überlagern und es Alltagsszenen gibt, die in den 1920ern spielen könnten – bis jemand beispielsweise mit Coco-Chanel-Sackerln auftaucht.

Ottinger: Ich fand dieses Buch, das 1927 geschrieben wurde und natürlich auf Erfahrungen der beiden Autoren basierte, deshalb so genial, weil direkte Kritik ja nicht möglich war. Stattdessen haben sie die als Kritik an der alten zaristischen Welt verkleidet, inklusive der neuen sozialistischen, wo auch wieder jeder für sich seine persönlichen Geschäftchen machen konnte. Das ist großartig, und so wollte ich die Verwerfungen von 1927 eben mit denen von heute zusammenbringen. Wir haben drei Monate gedreht und waren wie im Wanderzirkus unterwegs mit zwei alten Bussen. Dabei begegnete man einer unglaublichen Vielfalt an interessanten Leuten, die den Background bevölkert haben. Wie zum Beispiel diese Frau mit der Tüte: Die habe ich ihr nicht in die Hand gedrückt. Sondern das sind die alten Frauen, die zum Markt gehen und Plastiktüten, die sie aufgesammelt haben, für ein paar Groschen verkaufen. Und die hatte eine von Coco Chanel dabei, die habe nicht ich ihr mitgebracht!

Klingt, als wäre beim Drehen vieles vom Zufall getragen?

Ottinger: Natürlich, das gehörte einfach mit dazu! Ich meine, Sie haben überall die Spuren der verschiedenen kulturellen Einflüsse, vor allem in Odessa. Die Drehorte haben etwas über die Zeit erzählt, über den Verfall der alten Welt. Die Geschichte ist da – in den Fassaden, in den Straßen, ja auch in den Menschen. Für mich hatten die Odessiter etwas Weltmännisches und sehr Humorvolles. Man denke an Walentin Katejew, der geschrieben hat, die frechsten Frauen der Welt seien die Fischverkäuferinnen auf dem Markt von Odessa. Die hatten einen Humor! Das ist – wenn man ihre Lebensrealität einmal bedenkt – auch das Einzige, aus dem sie ihre Kraft ziehen – weil die meisten haben Männer, die hoffnungslose Trunkenbolde sind, und Kinder, die an den Drogen hängen. Und diese Frauen halten das alles zusammen.

Es ist erschütternd, wenn man den Film heute anschaut.

Ottinger: Ja. Wenn man dann dieses schöne Land sieht, die schönen Städte und vor allem diese Lebendigkeit der Menschen! Ich habe ja eine Theorie, die sich für mich schon oft bewahrheitet hat: Nämlich dass die Menschen, die sich unter schrecklichen Umständen ein Leben gestalten, eigentlich die kreativsten sind, weil sie ständig neue Lösungen finden müssen, um zu überleben. Und in der Ukraine habe ich das sehr stark empfunden.

Eine andere Entdeckung war für uns Ihr Film „Countdown“, den sie im Juni 1990 in Berlin während der letzten zehn Tage vor der Währungsunion gedreht haben. Man sieht keine anderen Kameraleute, die zum Beispiel die Menschenschlangen vor den Banken fotografiert oder gefilmt hätten – wie gibt’s das?

Ottinger: Das hat niemanden interessiert. Als die Mauer aufging, herrschte anfangs wirklich Chaos. Ich habe das abends um zehn erfahren und bin mit meiner Fotokamera losgesaust zur Oberbaumbrücke. Auf der Westberliner Seite waren viele türkische Restaurants und die Frauen haben sofort angefangen, Tee für 30 Pfennig zu verkaufen. Tage später kamen die Cousins mit Südfrüchten vom Großmarkt und Lastwagen voll technischer Geräte: Die haben direkt von der Ladefläche aus verkauft, vom Kofferradio bis zum Fernseher. Solche Sachen finde ich interessant, die muss man doch festhalten!

Sie haben damals auch auf einer Gstätten gefilmt, dem Potsdamer Platz.

Ottinger: Ja, am sogenannten Polenmarkt, der fand 1989/90 dort statt, bis er verboten wurde. Da kamen aus Polen, aus Tschechien, aus der Slowakei, von überall her Leute mit einem Besuchervisum und haben gehandelt. Dann packten sie ihre Taschen voll und fuhren mit den Bussen wieder nachhause. So einen riesigen Markt hatte ich vorher nur in der Gegend um Odessa einmal gesehen. Und in Berlin hat das sonst niemand gefilmt. Oder diese Billigläden – die Leute haben davor übernachtet, damit sie morgens als Erste reinkamen. Das sind alles Sachen, die uns in unserem satten Westeuropa nicht klar waren.

Der Abspann zu dem Film dauert ungefähr zwölf Sekunden, weil Sie inklusive Kamera praktisch alles selber gemacht haben: Kommt das von Ihrem Hintergrund als bildende Künstlerin oder war das mehr ökonomisch bedingt?

Ottinger: Beides. Ich habe als bildende Künstlerin angefangen, da arbeitete man selber – auch wenn viele Künstler heute 40 Assistenten haben, die alles für sie machen, aber das war nie mein Weg. Natürlich habe ich bei meinen Spielfilmen auch tolle Mitarbeiter gehabt, dennoch war ich in alles involviert: Das ist, wie wenn ich ein Bild male, da bestimme ich jede Farbe, bestimme den Kader, den Ort, das Verhältnis von Vorder- zu Hintergrund und die Aktion. Allerdings fand ich dann, dass man beim Film einfach noch mehr machen kann als in der Malerei. Nur gab’s damals in Deutschland nicht viele interessante Filme zu sehen.

Anders als in Paris, wo Sie jahrelang lebten. Haben Sie deshalb an der Uni Konstanz einen Filmclub gegründet?

Ottinger: Als ich 1969 nach Konstanz zurückkam, ja. Ich hatte eine tiefe persönliche, vielleicht auch künstlerische Krise, als ich aus Paris wegging, und wusste nicht genau, wohin das geht mit mir. Also dachte ich, mache ich etwas wie Kunstvermittlung: Ich möchte das, was mich so bewegt hat, weitergeben. Paris war meine Erweckung, dort habe ich überhaupt erst verstanden, was Film ist.

Auf künstlerischer Ebene eine Erweckung oder auch sonst?

Ottinger: Ich habe einfach das Potenzial von Film erkannt, was man damit alles machen kann. Und ich habe wahnsinnig viele Filme gesehen in Paris. Das war meine filmische Edukation, ich bin ja komplette Autodidaktin im Film. Ich war ein Fan von Retrospektiven, also von einem Filmkünstler – ganz gleich aus welcher Zeit, ob moderne oder frühe – möglichst viele Filme zu sehen. Das hat mich immer fasziniert, weil darüber versteht man eine Künstlerpersönlichkeit und kann deren Entwicklung nachvollziehen.

Ihre frühen Filme werden oft als „queer“ tituliert. Können Sie mit dem aktuellen Diskurs um Identitätspolitik etwas anfangen?

Ottinger: Ach, wissen Sie, ich komme aus einer Zeit, wo’s dafür gar keine Bezeichnungen gab und wo man einfach das gelebt hat, was man leben wollte – oft gegen Widerstände oder Formen der Missachtung, aber ich habe das so gehalten. Ich habe Schwierigkeiten mit diesen Schubladen, in die sich die queere Community zum Teil selber sperrt. Früher, als ich noch ausging, eben auch in die verschiedenen Clubs, da war einfach alles da und durcheinander – das fand ich wahnsinnig lustig. Wenn man sich heute immer nur über bestimmte sexuelle oder andere Codes definiert, habe ich ein Problem damit. Das ist nicht meine Vorstellung von einer liberalen Gesellschaft, wie ich sie mir wünsche.

Demnach würden Sie sich selbst auch nicht als „queere Künstlerin“ bezeichnen?

Ottinger: Würde ich nicht, nein. Das ist ein Teil von mir, aber es ist nicht alles. Ich bin nicht für Abgrenzung, sondern für Durchlässigkeit. Auch im kolonialen Kontext. Es ist ja überhaupt keine Frage, dass man Dinge, die man gestohlen hat, zurückgibt. Aber es gibt auch Diskussionsformen – gerade was die Aneignung von künstlerischen Formen betrifft –, die nur sehr ideologisch geführt werden. Damit habe ich ein Problem. Es würde keine Kultur existieren, wenn sie sich nicht Techniken und Inspiration von anderen angeeignet hätte, gar keine.

Apropos Aneignung: Zu Ihrem jüngsten Film, „Paris Calligrammes“, gibt es ein witziges Foto, auf dem Sie mit den Marx Brothers posieren – ist das Ihre geheime Wahlverwandtschaft?

Ottinger: Das war ein Plakat, das ich in Paris in meiner winzigen Kammer gemacht habe. O ja, das Anarchische an den Marx Brothers gefällt mir sehr. Das finde ich einfach großartig. F


Retrospektive Ulrike Ottinger: bis 30.6. im Österreichischen Filmmuseum

Queer Cinema – Made in Austria: bis 19.6. im Metro Kinokulturhaus

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