Was machen die Aktien, Herr Waldeck?

Der Musikproduzent Klaus Waldeck feiert den Geburtstag seines Labels Dope Noir. Sonst sieht er wenig Grund zum Jubeln

SEBASTIAN FASTHUBER
FALTER:WOCHE, FALTER 22/22 vom 01.06.2022

Foto: Claudio Farkasch

Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst. Zwei Jahre fast ohne Konzerte und das mühsame Streaming-Business haben dem Musikproduzenten Klaus Waldeck doch ein wenig zugesetzt. Seine Wehklage beim Falter-Gespräch ist aber kein reines Gejammer, denn zum einen hat sie durchaus Substanz. Und kommt zum anderen mit Schmäh und Selbstironie garniert.

Eigentlich ist die Musikkarriere des studierten Juristen aus Wien ja eine Erfolgsgeschichte. Vom französischen Chanson bis zu Italo-Western-Soundtracks hat er sich 1001 Stile einverleibt und in jenen angejazzten Easy-Listening-Pop mit Swing und Retrocharme verwandelt, der zu seinem Markenzeichen geworden ist.

Aber die Geschäfte sind trotz Werbedeals und Platzierungen von Songs in Fernsehserien schon einmal besser gelaufen. "Gefühlt gibt es heute mehr Künstler als Konsumenten", sagt der Mittfünfziger, der seit 20 Jahren das Label Dope Noir betreibt.

Nachsatz: "Zumindest glaubt jeder, Künstler sein zu müssen. Aber ich bin selber einer, insofern darf ich mich nicht aufregen. Sonst argumentiere ich wie der Autofahrer, der im Stau steht und sagt, dass alle anderen schuld daran sind."

Klaus Waldeck hat ein Problem mit den modernen Zeiten. Er denkt noch im Albumformat und ist auch in seinen Hörgewohnheiten wertkonservativ. Die bekannten Streaming-Plattformen nutzt er privat nicht. "Ich schau mir nur meine eigenen Sachen an, so wie man Aktienkurse begutachtet."

Und was machen die Aktien? "Wirklich schlau werde ich daraus nicht. Du bräuchtest jemand, der dir die Daten analysiert, um etwas damit machen zu können. Dann bist du aber an dem Punkt angelangt, wo es keinen Unterschied mehr macht, ob du Musik vertreibst oder Waschmittel."

Er erzählt von seinen Erfahrungen mit Apple Music, wo streng vorgeschrieben wird, wie das Artwork zur Musik gestaltet sein muss. Sonst gibt es eine Verwarnung. "Allein das ist ein Wahnsinn", echauffiert er sich. "Bei Kunst ging es immer darum, sich ein bisschen aufzulehnen und Strukturen zu brechen. Heute freust du dich darüber, wenn ein Konzern deine Arbeit genehmigt."

Hat der Jurist je überlegt, wieder in seinen erlernten Beruf zurückzukehren? "Mehr als einmal", gibt er zu. Aber der Drang, Musik zu machen, war jedes Mal stärker. Inzwischen fühlt er sich nicht nur im Studio wohl, auch die Konzerte in diversen Formationen hat er zu schätzen gelernt.

Ihn hat gewurmt, mit seinen Kollegen nicht auf Augenhöhe kommunizieren zu können: "Einer meiner Musiker ist Dekan auf der Musikuni, und ich bin immer mit meinem Computer gekommen." Also nahm er Klavierunterricht. Inzwischen komponiert er am Flügel, bei Auftritten ist alles live.

Waldeck jammert allerdings auf hohem Niveau. Seine Musik erreicht eine weltweite Hörerschaft. Österreich liegt bei seinen Spotify-Zahlen nur auf Platz zwölf. Die meisten Zugriffe kommen aus den USA, gefolgt von Frankreich, Deutschland, der Türkei und den Niederlanden.

Und es gibt auch einen neuen Hoffnungsschimmer am Markt. Ein Remix seines Stücks "Quando Quando" durch den französischen Produzenten The Avener ist auf gutem Weg zum Sommerhit 2022, in Süd- und Osteuropa erfreut er sich schon großer Beliebtheit. Binnen kurzer Zeit erreichte der Song auf Youtube zwei Millionen Aufrufe.

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Es wäre nicht Waldeck, würde er nicht auch hier ein Haar in der Suppe entdecken. Der stampfende Discobeat der Nummer ist ihm zu wenig subtil: "Was man da hört, ist nicht meine Kernmarke. Ich freue mich natürlich über die Aufmerksamkeit, aber sehe sie auch mit einem weinenden Auge."

Im Zuge der Dialektwelle hat er ganz kurz sogar überlegt, es mit deutschsprachigen Songs zu versuchen. "Ich kann nachvollziehen, warum Voodoo Jürgens und Der Nino aus Wien gut gehen, die haben einen eigenen Charme."

Was ihn tatsächlich wurmt, ist, dass er in seiner Heimatstadt wenig gewürdigt wird: "Ich weiß nicht, wie oft Kruder & Dorfmeister schon bei den Wiener Festwochen gespielt haben. Aber würde dort in 20 Jahren mal wer auf die Idee kommen, mich einzuladen?"

Freude bereitet ihm der Nachwuchs. Sein mittlerer Sohn, 16, hat in der Pandemie Bass zu spielen begonnen und ist im Porgy & Bess bei zwei Nummern dabei. "Er ist der Einzige, der sich dafür interessiert. Mein Ältester studiert an der WU und wird von Google schon als Analyst geführt. Die sind heute alle so strebsam. Aber irgendwann müssen sie ausbrechen, weil sie die Phase der Auflehnung ausgelassen haben."

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20 Jahre Dope Noir live: Porgy & Bess, Fr, Sa 20.30

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