„Wir brauchen die Schmerzen”

Der ehemalige Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber über das kontraproduktive Fremdeln von Wirtschaft und Industrie mit dem Klimaschutz.

Eva Konzett
FALTER.MORGEN, 09.06.2022

"Diese Aufteilung zwischen Umwelt und Wirtschaft ist Unsinn": Ex-Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber © APA/Herbert Pfarrhofer

Die Wirtschaftskammer und die Industriellenvereinigung schießen beim Klimaschutz quer. Schon 2021 nannte die WKO die Co2-Bepreisung eine „ideologische Bestrafungsfantasie”. Zuletzt forderte die IV in einem internen Papier die Aussetzung der Rahmengesetze für die Energiewende. Warum eigentlich? Der FALTER.morgen hat einen gefragt, der es wissen muss: Den Spitzenmanager Wolfgang Anzengruber.

FALTER.morgen: Herr Anzengruber, warum fremdeln die Wirtschaftskammer und die Industriellenvereinigung eigentlich so mit dem Klimaschutz?

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Wolfgang Anzengruber: Das kann ich Ihnen nicht sagen, aber was ich sagen kann: Diese Aufteilung zwischen Umwelt und Wirtschaft ist Unsinn. Wir müssen diese Herausforderung wahrnehmen und sehen, was sie auch ist: Eine Chance für Wachstum. Eine Voestalpine beschäftigt sich mit CO2-armen oder CO2-freiem Stahl. Die Zementwirtschaft, die Elektronikindustrie. Da ist sehr viel drinnen. Aber dafür braucht es auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen, das Erneuerbare Wärmegesetz etwa oder ein Energieeffizienzgesetz.

Der Umwelttechnologie-Sektor macht in Österreich 15 Milliarden Euro Wertschöpfung im Jahr – zwei Drittel des Wertes, den die gesamte Tourismusbranche erzielt. Müssten die Industrievertreter nicht sagen: Gebt uns alle Klimaschutzgesetze der Welt, dann haben wir erstens Planungssicherheit und zweitens haben unsere Betriebe Aufträge für die kommenden 30 Jahre?

Anzengruber: Ja, ich bin ganz bei Ihnen. Die Frage müsste man ökonomisch stellen, den Klimaschutz von dieser Seite her denken. Wir werden einen wahnsinnigen Wettbewerbsnachteil für unsere Wirtschaft haben, da geht es auch um die wohlstandserhaltenden „guten” Industriejobs. Und was glauben Sie, was im erwähnten Fremdenverkehr passiert, wenn sich hier klimatisch alles verändert? Wir diskutieren zuviel darüber, ob die vorgegebenen Ziele realistisch sind und vergeuden damit Zeit. Den österreichischen Grundsatz „Tamma g’schwind a bissl warten“, bevor wir überhaupt etwas tun, halte ich nicht für eine gute Vorgehensweise. Vielleicht braucht es Adaptierungen auf dem Weg, ja. Aber wir haben die gescheiten Leute, die Kompetenz, die Erfahrung. Geld ist im Moment auch verfügbar. Und da stellt sich jetzt die berechtigte Frage: Warum tun wir zu wenig?

Also: Warum tun wir zu wenig?

Anzengruber: Das ist kein Problem einer Interessenvertretung allein. Der Mensch ist ein Veränderungsverweigerer. Wir brauchen eigentlich in der Masse immer Schmerzen, um uns zu verändern. Dabei müsste man hier mit Klugheit rangehen. Niemand will, dass der Mensch auf den Baum zurücksteigt.

Wir wollen Wohlstand und Lebensqualität haben. Ex-Kanzler Sebastian Kurz meinte einmal, er sei nicht der Meinung „dass unser Weg zurück in die Steinzeit sein sollte”. Ist das in Österreich das herrschende Denken?

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Anzengruber: Es gibt einen Wunsch danach, dass alles so bleibt, wie es ist. Diesen Wunsch entnehme ich zumindest Kraftausdrücken von verschiedenen Seiten – etwa wenn die Wirtschaftskammer in Zusammenhang mit dem Klimaschutz von „ideologischen Bestrafungsfantasien“ spricht und von den Grünen daraufhin als „energiepolitische Geisterfahrer“ tituliert werden. Das ist schon skurril: Nie in der Vergangenheit war der Stillstand eine Triebfeder. Und dann wird auch noch mit den Zahlen polemisiert. Zum Beispiel, wenn es von der Industriellenvereinigung heißt, wir bräuchten  110 Wasserkraftwerke in der Größe von Freudenau, um die Energiewende zu schaffen. Da frage ich mich schon, wie diese Zahlen zustande kommen, bzw. welche Annahmen dieser Aussage zugrunde liegen. Ich muss aber auf der anderen Seite auch sagen: Nur ideologisch werden wir das Ding auch nicht meistern. Wir müssen auch Realitätssinn haben, dass es Umwege geben wird, um ans Ziel zu kommen. Das zeigt auch der Ukraine-Krieg: Jetzt ist es ein erstes Gebot, Gas für die unmittelbare nächste Zeit zu sichern. Das mag manchen nicht gefallen, aber das ist eines der aktuellsten Dinge. Das heißt aber nicht, dass das ad infinitum so bleiben wird. Auch in der Vergangenheit hat es Dinge gegeben, die aus heutiger Sicht betrachtet nicht immer die klügsten waren.

Die große Gas-Abhängigkeit von Russland?

Anzengruber: Wir haben jahrzehntelang von billigem, russischem Erdgas profitiert, das muss man auch sagen. Aber Erdgas hat die höchste Energiedichte aller fossilen Energieträger. Wir verbrennen es bei 2.000 Grad und machen Raumwärme von 25 Grad daraus. Das ist physikalisch schon ein Blödsinn. Da braucht man gar nicht ideologisch oder ökologisch diskutieren. Darauf hat in der Vergangenheit auch niemand geachtet. Erdgas war verfügbar, günstig und bequem. Und damit war die Sache abgehakt.

Was wäre jetzt klug zu tun?

Anzengruber: In diesem Konflikt oder in diesem Disput bringen wir nichts weiter. Oder nur sehr mühsam. Die Abrüstung der doch teilweise polemischen Positionen wäre wichtig. Die Energiewende wird mit oder ohne uns stattfinden. Die Entscheidung, die wir treffen, geht so: Laufen hinten nach und sind nicht mehr wettbewerbsfähig? Oder sind wir vorne mit dabei und wettbewerbsfähig? Liefern wir die Technologien nicht, werden wir sie kaufen müssen. Wenn wir dann noch genügend Geld dafür haben.

 

Zur Person: Der studierte Maschinenbauer Wolfgang Anzengruber leitete von 2009 bis 2020 den Wasserkraftkonzern Verbund. Heute ist er Präsident der Initiative CEOs for Future, die Umwelt und Wirtschaft zusammenbringen will. Anzengruber war außerdem im Präsidium der Industriellenvereinigung tätig.

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