Unterm Sternenhimmel: Sommertheater

Wenn es heiß wird in der Stadt, beginnt die Zeit der Freiluftbühnen. Sommertheater in und um Wien bieten Schauspiel unter freiem Himmel, Opernaufführungen am See und Kabarett zwischen Laubbäumen. Gelsenmittel nicht vergessen!

Martin Pesl, Miriam Damev, Sara Schausberger
FALTER:WOCHE, FALTER 24/22 vom 14.06.2022

„Molière oder Der Heiligenschein der Scheinheiligen“ bei den Sommerspielen Perchtoldsdorf (Foto: Ingo Pertramer)

Sommerspiele Perchtoldsdorf

Die Sommerspiele Perchtoldsdorf unterlaufen jedes Jahr die Erwartung an Sommertheater. Das macht die Stücke im Hof der Burg Perchtoldsdorf aber auch so sehenswert. Dieses Jahr inszeniert Intendant und Regisseur Michael Sturminger „Molière oder Der Heiligenschein der Scheinheiligen“ nach Michail Bulgakow.


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Das Theaterstück des 1891 in Kiew geborenen und 1940 in Moskau gestorbenen Schriftstellers spiegelt mit Molières Situation am Hof von Ludwig XIV. seine eigene existenzielle Not unter Stalin. Angereichert mit neuen Szenen stellt der Abend die gerade jetzt wieder hochaktuelle Frage: Was passiert zwischen Machthabern und Künstlern? Michael Pogo Kreiner liefert die musikalische Untermalung. Die Ankündigung verspricht einen „sinnlichen und barocken Theaterabend“.

Burg Perchtoldsdorf, 30. Juni bis 30. Juli
www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at


Hin & Weg

Theater schauen und zwischendurch in den See hüpfen: Das ist beim zehntägigen Festival „Hin & Weg – Tage für zeitgenössische Theaterunterhaltung“ in Litschau am Herrensee möglich. Neben Schauspielinszenierungen setzt Intendant Zeno Stanek auch Lesungen, Lagerfeuergespräche, Frühstücksdialoge, Workshops und Konzerte auf den Spielplan.

Besonders charmant könnte ein Gastspiel aus dem Schauspielhaus Salzburg werden: Duncan Macmillans Monolog „All das Schöne“ handelt auf äußerst lebensbejahende Art von Depressionen. Nach dem Selbstmordversuch der Mutter listet ein Mädchen alle Dinge auf, die an die Schönheit des Lebens erinnern. Zuhörende Friseure zählen ebenso dazu wie Hängematten oder Nacktbaden.

Litschau, 12. bis 21. August
www.hinundweg.jetzt


Festspiele Reichenau

Die Festspiele Reichenau, 1988 als konservative Gegenbewegung zum Burgtheater gegründet, werden nun von einer Schauspielerin aus dessen Ensemble geleitet: Maria Happel bekam nach dem nicht ganz reibungslosen Abgang des Gründerpaares Peter und Renate Loidolt den Zuschlag für Niederösterreichs populärstes Sommertheaterfestival.

Happel bleibt der bisherigen Linie treu: Es stehen zwar kein Schnitzler und kein Nestroy auf dem Programm, aber Klassiker der Dramatik. Nach einem „Künstlerfest zur Eröffnung“ bestreiten die ersten Premieren der Josefstadt-Regisseur Torsten Fischer mit Tschechows Tragikomödie „Die Möwe“ und Christian Berkel mit seiner Wedekind-Bearbeitung „Frühlings Erwachen“. Außerdem in Reichenau zurück: Petra Morzé (Foto).

Theater Reichenau, 2. Juli bis 6. August
www.theaterreichenau.at


Theatersommer Haag

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Der Schauspieler und Komiker Christian Dolezal ist auch ein begnadeter Intendant. Seit 2017 leitet er den Theatersommer Haag mit der spektakulären, preisgekrönten Bühnenkonstruktion. Das Festival an der Westgrenze Niederösterreichs hat seitdem definitiv dazugewonnen.

Heuer spielt es William Shakespeares „Wie es euch gefällt“ in einer Bearbeitung von Alexander Pschill und Kaja Dymnicki. Regie führt Dolezal; er wirkt auch selbst in der Komödie mit der vielleicht berühmtesten Hosenrolle der Theatergeschichte mit. Nach der Entmachtung des alten Herzogs fliehen viele Menschen in den Wald, darunter Celia, Rosalinde und Orlando. Orlando liebt Rosalinde, doch bevor sie sich ihm zu erkennen gibt, muss er viele Prüfungen bestehen.

Theaterbühne am Haager Hauptplatz, 29. Juni bis 6. August
www.theatersommer.at


Raimundspiele Gutenstein

„In drei Tagen bin ich tot. Begrabt mich in Gutenstein, ja nicht in Wien“, soll der Wiener Volksstückautor Ferdinand Raimund gesagt haben – zumindest laut Felix Mitterers Stück über ihn, in dem Johannes Krisch die Hauptrolle spielte.

Krisch ist heute Ensemblemitglied des Theaters in der Josefstadt und Intendant der seit 1993 existierenden Raimundspiele Gutenstein. Dass der Chef in der Neuinszenierung des Zaubermärchens „Die gefesselte Phantasie“ ebenso mitspielt wie seine Frau Larissa Fuchs folgt einer gewissen Sommertheaterlogik.

Ein Coup ist dagegen der Name des Regisseurs: Achim Freyer. Die 88-jährige Bühnenbildlegende aus Berlin wird auch die Ausstattung übernehmen; in einer dreitägigen Malaktion im März hat Freyer außerdem das Theaterzelt in Gutenstein neu gestaltet (Foto oben).

Theaterzelt Gutenstein, 13. Juli bis 7. August
www.raimundspiele.com


Schlossspiele Kobersdorf

Sind die Blackfacing-Plakate, mit denen Intendant Wolfgang Böck einst für seine Schlossspiele Kobersdorf warb, ausreichend verjährt, um dem burgenländischen Komödienfestival guten Gewissens zum 50-jährigen Bestehen zu gratulieren?

Immerhin präsentiert sich Böck dieses Jahr in einer antifaschistischsten Wiener Paraderolle: Er verkörpert die Titelfigur in Ulrich Bechers und Peter Preses’ Stück „Der Bockerer“ über den gleichnamigen Fleischhauer, der sich mit schelmischem Widerstand über die Nazizeit rettet, seinen jüdischen Tarockpartner (Andy Hallwaxx) ans Exil und seinen Sohn (Markus Freistätter) an die SS verliert.

Die große Film- und Theaterschauspielerin Maria Hofstätter ist in der Rolle der Binerl, Bockerers Frau, zu sehen. Und auf ihrer Homepage gendern die Schlossspiele. Ach, was soll’s: Happy 50!

Schloss Kobersdorf, 5. bis 31. Juli
www.schlossspiele.com


Oper Klosterneuburg

„Ich weiß von keinem, der das Paris jener Zeit so gut beschrieben hätte wie Puccini“, schwärmte der junge Claude Debussy, nachdem er einige Szenen von „La Bohème“ gehört hatte. Puccini war es gelungen, das Flair des Pariser Bohemien-Milieus einzufangen, ohne die Stadt je besucht zu haben. Regisseur François de Carpentries inszeniert das Meisterwerk lyrischer Stimmkunst im barocken Kaiserhof des Stiftes Klosterneuburg: Die Künstlerclique rund um Rodolfo (Clemens Kerschbaumer) schlägt sich mehr schlecht als recht durchs Leben, bis die schwindsüchtige Mimì (Kamile Bonté) ins Leben des Dichters tritt. „Wie eiskalt ist dies Händchen, lassen Sie es mich wärmen“, singt Rodolfo, während seine Angebetete vom ersten Kuss schwärmt. Schmacht!

Stift Klosterneuburg, 9. Juli bis 5. August
www.operklosterneuburg.at


Operette Langenlois

2021 brachte Christoph Wagner-Trenkwitz eine sensationell lustige „Fledermaus“ auf die Bühne von Schloss Haindorf; heuer nimmt sich der scheidende Chefdramaturg der Wiener Volksoper einen weiteren Klassiker der goldenen Operetten-Ära vor: „Der Opernball“ von Richard Heuberger.

Die musikalische Komödie spielt auf einem Maskenball in Paris, wo die in Sachen Treue skeptischen Ehefrauen ihre Männer auf die Probe stellen. Erwartungsgemäß fallen die Herren allesamt spektakulär durch, und das Stubenmädchen Hortense verführt schließlich den jungen Kadetten Henri mit dem Walzerlied „Gehen wir ins Chambre séparée“.

Regie führt der großartige Peter Lund, Daria Kornysheva zaubert die Kostüme, Gerrit Prießnitz dirigiert das Wiener KammerOrchester. Und Intendant Wagner-Trenkwitz? Der tritt als schräger Oberkellner Christophe auf.

Schloss Haindorf, 21. Juli bis 7. August
www.operettelangenlois.at


Theater im Park

Michael Niavarani ist nicht nur Kabarettist und Shakespeare-Fan, sondern auch ein kluger Geschäftsmann. 2020 erkannte er die Gunst der pandemischen Stunde und sicherte sich ein lauschiges Plätzchen im Belvedere-Park zur Bespielung. Hier zeigt er vor schier endlosen Publikumsmengen alles an Unterhaltungsprogramm, was annähernd Open-Air-tauglich ist.

Neben der Simpl-Revue aus lose verbundenen Sketches sind Kabarettprofis und klassische Musikensembles geladen, und Literatur gibt es ebenso wie ein Theaterstück – Niavarani hat Shakespeares „Sommernachtstraum“ für den Park bearbeitet. Im September präsentiert der Autor und Ex-Burgschauspieler Joachim Meyerhoff eine Fortsetzung seines Solo-Hits „Alle Toten fliegen hoch“.

Belvedere-Park, bis 2. Oktober
www.theaterimpark.at


Oper im Steinbruch

Allein 40 Tonnen Gerüst, über eine halbe Million Schrauben, 22 Tonnen Holzboden, 6,5 Kilometer Theaterlatten, 15 Kilo Papier und 150 Liter Kaffee kommen heuer für Giuseppe Verdis „Nabucco“ auf der 7000 Quadratmeter großen Bühne zum Einsatz. Bühnenbildner Thanassis Demiris wuchtet einen monumentalen babylonischen Palast in den Steinbruch St. Margarethen, dort herrschen Exzess, Arroganz, Macht, Größenwahn und Gier. Im Rausch seines Sieges über die Hebräer erhebt sich Nabucco, König von Babylon, zum Gott und verliert darüber den Verstand. Verdis Drama bietet alles, was das Opernherz begehrt: prachtvolle Melodien, große Gefühle und nicht zuletzt Italiens heimliche Hymne.

Steinbruch St. Margarethen, 13. Juli bis 14. August
www.operimsteinbruch.at

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