KUNST Kritik

Blut und Beuschel: 60 Jahre Hermann Nitsch

Lexikon, FALTER 24/22 vom 15.06.2022

Nur mit der Vorderseite zur Wand lagerte Hermann Nitsch (1938-2022) einst jene Leinwände, auf die er Damenbinden geklebt und Blut verschüttet hatte. Schließlich wohnte der Radikalkünstler Anfang der 1960er-Jahre noch bei seiner Mutter, die mit solchen Schöpfungen naturgemäß wenig Freude hatte.

Eines dieser Frühwerke hängt nun in Galerie Lisa Kandlhofer, die Werke des Wiener Aktionisten aus 60 Jahren zeigt. Im Februar verkündete die New Yorker Pace Gallery, dass sie Nitsch in Zukunft gemeinsam mit Kandlhofer und der Nitsch Foundation vertritt. Mitte April wurde dann eine Schau in Venedig ungeplant zur Lebewohl-Veranstaltung, denn der Künstler verstarb am Tag der Vernissage im Krankenhaus Mistelbach. Das für Ende Juli geplante Orgien-Mysterien-Spiel finde dennoch statt -der Meister hat alles vorausgeplant.

Beim Betreten der Galerie sticht gleich das größte Werk ins Auge. Dieses wandfüllende, orange-rotpinke Schüttbild entstand 2021 bei den Bayreuther Festspielen, wo Nitsch drei konzertante Aufführungen von Richard Wagners "Walküre" szenisch begleitete. Messgewänder und Pfingstrosen verleihen der Installation den typisch (pseudo) sakralen Touch. Wer immer noch glaubt, der von Tierschützern drangsalierte Action-Painter habe in erster Linie Blut und rote Acrylfarbe verspritzt, wird mit narzissengelben und regelrecht bunten Bildern eines Besseren belehrt. Aber die Patina der braun verwitterten Blutflecken zieht doch am stärksten an. Etwa bei den "Reliktbildern", auf denen Mullbinden oder Pflaster zu quasigeometrischen Bildelementen werden.

Trotz der Archaik seiner Kunst hatte Nitsch keine Scheu vor technischer Reproduktion. 1965 ließ er etwa ein Foto eines mit Blut und Beuschel besudelten Männerkörpers auf Leinwand drucken -ein Vintage-Print dieser Aufnahme von Ludwig Hoffenreich befindet sich in der Sammlung des MoMA in New York. Das US-Museum besitzt insgesamt nur fünf Bilder des lange umstrittenen Künstlers. Wenn die Pace Gallery ihrem Neuzugang im Jänner 2023 eine Schau widmet, könnte sich das ändern.

Galerie Lisa Kandlhofer, bis 31.7.

ANZEIGE

Fanden Sie diesen Artikel interessant? Dann abonnieren Sie jetzt und bleiben Sie mit unserem Newsletter immer informiert.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Alle Artikel der aktuellen Ausgabe finden Sie in unserem Archiv.

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!