Der doppelte Klitschko

Nicht nur der Wiener Bürgermeister wurde von einem Betrüger reingelegt, der sich als Vitali Klitschko ausgab, sondern auch die Botschaft in Kiew. Die Österreicher sind nicht die einzigen Opfer solcher „Pranks“. 

Florian Klenk
FALTER.MORGEN, 27.06.2022

Ein falscher und ein echter Bürgermeister: Michael Ludwig im Gespräch mit einem Double oder einer Deep-Fake-Animation von Vitaly Klitschko @ Screenshot Twitter

Am vergangenen Samstag gegen 22 Uhr Abends, als die ganze peinliche Sache endlich überstanden schien, erreichte die Stadt Wien wieder ein Mail, wieder angeblich aus der Ukraine. 

Der Absender Taras G., Head of International Relations Department in Kyiv, warnte die Wiener Stadtverwaltung:. Liebe Kollegen, bitte seien Sie darüber informiert, dass es mehrere Versuche gegeben hat, den Bürgermeister von Kyiv, Vitali Klitschko und andere Autoritäten zu diskreditieren

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Betrüger würden in Partnerstädten Videokonferenzen mit Bürgermeistern anleiern und mit Deep-Fake-Technologien über ihre wahre Identität täuschen, um sie zu falschen Versprechen verleiten. Sinn der Aktion: die Schwächung der Ukraine. Die gesamte Kommunikation mit Kiew sollte daher nur über die angeblich offizielle Adresse welcome.kyiv@ukr.net laufen und über ein paar Gmail-Mailadressen. 

Ob das Mail selbst wieder ein Fake ist, wusste man in der Stadt bei Redaktionsschluss nicht. Vielleicht? Vielleicht auch nicht? Wem kann man schon trauen? Einer ukr.net-Adresse offenbar nicht blind, wie man nun in Wien, Berlin und Madrid weiß.

Was war passiert? Der Wiener Bürgermeister, aber auch die Stadtchefs von Madrid und Berlin sind offenbar einem Betrüger auf den Leim gegangen, der sich – getarnt als Kiews Stadtchef Vitali Klitschko – Zoom-Konferenzen mit ihnen erschlichen hatte. Und zwar mit durchaus plausibel klingenden Schreiben. 

Für die europäischen Politiker durchaus Stoff für die Social Media Kanäle: Heute hatte ich die Möglichkeit im Videotelefonat mit @vitaliy_klychko, Bürgermeister von @kyiv, die aktuelle Situation in der Ukraine zu sprechen“, twitterte der Wiener SPÖ-Chef am 22. Juni. Dazu postete er ein Bild, das ihn an einem langen Tisch sitzen saß, im Monitor: Klitschko. Entweder computeranimiert – oder als Double. Es war jedenfalls nicht Klitschko selbst, wie dieser selbst verlautbarte. Er spreche zudem Deutsch. 

Als die Bild-Zeitung den Prank aufdeckte, verstummte das Wiener Rathaus für einige Zeit und sprach dann in einer Aussendung von einem Fall von Cyberkriminalität. Ludwigs Tweets über seine Videokonferenz blieben vorerst im Netz und dienten dem Gespött der Social Media Crowd. Ein Fressen für das schwarz regierte Kanzleramt und das schwarz geführte Außenministerium, das Ludwigs Team derweil allerlei Sorglosigkeit vorwarf:  In erster Linie war es ein Fall fahrlässiger Sorglosigkeit und Umgehung aller Regeln der Sicherheit und Diplomatie, die in solchen Fällen aus gutem Grund bestehen. Der ’schwere Fall von Cyberkriminalität‘ wäre dadurch leicht vermeidbar gewesen, twitterte Daniel Kosak, Sprecher von Kanzler Karl Nehammer

Alexander Schallenbergs Außenamt gab per Email bekannt, dass  weder das Außenministerium, noch die österreichische Botschaft in Kyjiw in die Vorbereitung bzw. Abwicklung des Termins mit dem vermeintlichen Bürgermeister von Kyjiw eingebunden gewesen seien. Man hätte aber gerne geholfen. 

Die Message war von Regierungsseite gut platziert: Michael Ludwig, der Wichtigtuer, hat im Alleingang gehandelt – und daher den Spott zu tragen. 

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Doch so einfach ist die Story nicht, wie interner Schriftverkehr zwischen der Stadt Wien und der Botschaft von Kiew beweist. Das Außenministerium war sehr wohl informiert – und hatte auch nicht Verdacht geschöpft, wie FALTER- Recherchen zeigen und das Außenamt schließlich auf FALTER-Anfrage zugeben musste. 

Am 2. Juni schrieb nämlich ein Mann namens Dmytro Z. unter der etwas ungewöhnlichen Email-Adresse Mayor.kyiv@ukr.net ein Mail an michael.ludwig@wien.gv.at. Man wolle der Stadtverwaltung Dank Aussprechen für die Unterstützung im Krieg und deshalb bitte Klitschko um ein Gespräch mit Ludwig. Der Ukrainer wolle dem Wiener über die laufende Situation“ berichten, über humanitäre Projekte und über Vertriebene, die zurück in die Ukraine kommen. Daher sei man bereit, eine Videokonferenz zu organisieren, Dauer 20 Minuten. 

Eine Beamtin Ludwigs hielt das Mail offenbar für völlig harmlos, antwortete ein paar Tage später, man könne das Meeting am 22 Juni um drei Uhr Nachmittags ansetzen. Der Dear Dmytro bestätigte den Termin und bat auch gleich eine link-invitation an. 

Was passiert nun weiter? 

Die Stadt Wien – und das ist dem Büro Ludwig wichtig – informiert daraufhin die österreichische Botschaft in Kiew über den Termin der Videokonferenz – und leitet auch die Emails von Dear Dmytro weiter. Und zwar am 10. Juni um 17 Uhr 13.

Der Botschafter bedankt sich persönlich, schickt ein paar kleine Vorabinfos“ und teilt der Stadt Wien mit, Klitschko seinerseits am 17. Juni, also fünf Tage vor dem Telefonat, zu treffen. Ludwigs Spitzenbeamtin bedankt sich, bittet um ein bisserl Information und bekommt dann auch gleich ein Briefing, wonach Klitschko Einsatzfahrzeuge, Müllautos, Prothesen benötige.  

Am 22. 6. findet dann das – laut Angaben Ludwigs – völlig harmlose Gespräch mit dem falschen Klitschko statt. 

Was steckt hinter der Fake-Aktion? Ein Comedian? Doch ein hybrider Cyberangriff? Oder beides?

Wer sich auf russischen Seiten umsieht, bemerkt, dass die drei Bürgermeister nicht die Einzigen sind, die reingelegt wurden. Auch der ehemalige US- Präsident George W. Bush oder die weltberühmte Kinderbuchautorin J.K. Rowling (Harry Potter) wurden in Video-Konferenzen gelockt. 

Bush und Rowling  wurde von einem Double des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selensky angerufen, der etwa die Schriftstellerin darum bat, das Z auf Harry Potters Stirn zu entfernen und auf Bomben den Zauberspruch Avada Kedabra schreiben zu dürfen. Hinter dem Prank, so berichtet die Washington Post, stünden die russischen Comedians  Vovan and Lexus, die den russischen Präsidenten Vladimir Putin unterstützen. Ihr Video erschien auf rutube, der russischen Videoplattform. Youtube hatte es zensiert. 

Was kann Ludwig nun blühen? Das gleiche wie Rowling. Das Gespräch kann – zusammengeschnitten und möglicherweise manipuliert – dazu dienen, einen Vertreter des Westens zu diskreditieren. In Zukunft, so rät der Chef der Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN) sollten Politiker vielleicht die Hilfe der Nachrichtendienste und der Diplomaten vor Ort in Anspruch nehmen, wenn sie Videokonferenzen führen. 

Bürgermeister Ludwig und die Kiewer Stadtverwaltung streben jedenfalls nun einen echten Gesprächstermin an. 

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