Sommerliches Tanzfieber

Das Impulstanz-Festival macht aus Wien jeden Sommer aufs Neue eine aufregende Metropole des Tanzes und der internationalen Performance-Kunst. 54 Produktionen stehen heuer auf dem Programm. Welche Stücke ragen heraus?

Martin Pesl, Sara Schausberger
FALTER:WOCHE, FALTER 27/22 vom 05.07.2022

Claudia Bosses "ORACLE and SACRIFICE oder die evakuierung der gegenwart" (Foto: Eva Würdinger)

Mimikry

Zehn junge Choreograf:innen und Performer:innen führen ihre Stücke bei der Nachwuchsreihe [8:tension] auf. Das Programm zeigt, was aktuell in der internationalen Performancewelt Neues passiert. Am Ende verleiht eine Jury den „Young Choreographers’ Award“ an ihr Lieblingsstück. Die ungarische Tänzerin Boglárka Börcsök etwa zeigt ihre Arbeit „Figuring Age“ in dieser Reihe. Zusammen mit dem Filmemacher Andreas Bolm porträtiert sie darin drei über 90-jährige Ausdruckstänzerinnen aus Budapest: Irén Preisich, Éva E. Kovács und Ágnes Roboz. Sie vereint, dass ihre Bewegungskunst seit den 1930er-Jahren in Ungarn verboten oder unterdrückt wurde. Börcsök studierte die Bewegungen der Frauen bis ins kleinste Detail. Nun verkörpert sie die mittlerweile Verstorbenen, das Publikum kann ganz nahe kommen.


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Mumok, 24. und 26.7., 16.00, 18.00 und 20.00


Klaviersolotanz

Trajal Harrell gehört zu den wichtigsten Interpreten im zeitgenössischen Tanz. Der Choreograf und Performer aus den USA kombiniert nicht nur queere, afroamerikanische und lateinamerikanische Traditionen, sondern wendet sich auch Tanzstilen wie dem japanischen Butoh zu. Zum Tänzer des Jahres wurde er 2018 gekürt, als er Voguing auf postmodernen Tanz prallen ließ. Bei Impulstanz war Harrell schon mehrmals zu Gast, heuer zeigt er sein Stück „The Köln Concert“. Zu Keith Jarretts berühmtem Klaviersolo treten sieben Tänzer:innen, darunter der Choreograf selbst, auf: Sie legen Solos in schwarzen Abendroben hin. Die Arbeit aus dem Repertoire des Schauspielhauses Zürich ist Harrells Kommentar auf die physische Distanz während der Pandemie. Kritiken sprechen von einem äußerst berührenden Stück.

Volkstheater, 5. und 7.8., 21.00


Ein Tanzrebell feiert Jubiläum

Wortwörtlich übersetzt heißt Wim Vandekeybus’ Compagnie „Zum letzten Mal“. Bis heute gab es allerdings bei der Truppe des belgischen Choreografen kein letztes Mal, heuer feiert Ultima Vez 35-jähriges Jubiläum. Vandekeybus wurde mit adrenalingetränkten Stücken bekannt, oft hat man das Gefühl, er und seine Tänzer:innen stünden nah am Abgrund. Seine Arbeiten sind geprägt von der Frage: Wie reagiert der Mensch auf Extremsituationen?

Anlässlich des Geburtstags feiert „Scattered Memories“ (27. und 29.7.) seine Uraufführung bei Impulstanz. In großer Besetzung trägt das Stück alles in sich, was Ultima Vez ausmacht. Auch Vandekeybus wird als Tänzer auf der Bühne stehen. Außerdem beim diesjährigen Festival: sein bildgewaltiger Traum „Hands do not touch your precious Me“.

Volkstheater, 22. und 24.7., 21.00
Volkstheater, 27. und 29.7., 21.00

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Hexenritt durch das romantische Ballett

Einige Meter über dem Boden fliegt eine nackte Frau auf einem Besen. Zuvor wurden ihr zwei Haken durchs nackte Rückenfleisch gebohrt, an denen man sie dann in die Höhe gezogen hat. Das Blut rinnt ihr den Rücken hinunter. Aber sie lächelt, sie schwebt, sie dreht sich. Florentina Holzinger verbindet in ihrem Stück „Tanz. Eine sylphidische Träumerei in Stunts“ romantisches Ballett mit zeitgenössischem Tanz, Stunts und Splatter-Elementen. Die österreichische Performancekünstlerin und Choreografin beherrscht die Kunst, Sachen, die Menschen normalerweise nicht sehen wollen, so auf die Bühne zu bringen, dass man trotzdem gerne hinschaut. In dieser Arbeit aus dem Jahr 2019, die von der Zeitschrift Theater heute zur „Inszenierung des Jahres“ gekürt wurde und den Nestroypreis für die beste Regie erhielt, gelingt Holzinger die Kür besonders gut.

Volkstheater, 31.7. und 2.8., 21.00


Mowgli-Dystopie

Als Zehnjähriger stand Akram Khan einst selbst in der Rolle des Mowgli auf der Bühne. Jetzt, da der große britische Choreograf mit bengalischen Wurzeln nicht mehr tanzt, hat er die Hauptrolle im „Dschungelbuch“ nach Rudyard Kipling für eine weibliche Tänzerin in einer Zeit der Klimaflucht umschreiben lassen. Mowgli verliert in dieser düsteren Interpretation auf der Flucht vor Überschwemmungen ihre Familie und begegnet Tieren, die alle schon in Gefangenschaft waren und dem Prinzip Menschen daher nicht sehr freundlich gegenüberstehen. „Jungle Book reimagined“ ist ein komplexes, düsteres Anti-Märchen mit Dialogen und Monologen, getanzten und gezeichneten Bildern. Das Bühnenbild ist stark reduziert, dafür stechen feine Animationen ins Auge. Bär und Panther liefern sich dennoch weiterhin die gewohnten Schlagabtäusche.

Burgtheater, 23., 25. und 26.7., 21.00


Tanz für eine Schauspielerin

Der Choreograf Jérôme Bel hinterfragt immer wieder das schiere Wesen seines eigenes Geschäfts. Einerseits ist er konsequenter Klimaschützer, was die Szene ziemlich herausfordert. Andererseits sucht er Tanz, wo eigentlich keiner sein müsste: neuerdings bei Schauspielerinnen. Jolente De Keersmaeker, 55 und jüngere Schwester von Anne Teresa, reißt in „Dances for an Actress“ mehrere klassische Choreografien aus der Tanzgeschichte an. Dabei hat sie natürlich einen völlig anderen Zugang als jemand mit klassischer Ballett- oder sonstiger Tanzausbildung. Der Blick von außen ist gefährlich, potenziell desillusionierend, kränkend. Gleichzeitig weist das Experiment darauf hin, dass Choreografien gewissermaßen auch Theatertexte sind. Ein Crossover par excellence mit durchaus humorvollen Momenten.

Akademietheater, 10.7., 19.00


Objektophilie

Das Objekt der Begierde ist ein Bagger. In ihrer Lecture-Performance „Oil Pressure Vibrator“ (22. und 23.7.) erzählt Geumhyung Jeong von ihrer Liebe. Das Publikum erfährt, wie sie Bagger fahren lernte, aber auch wie sie zur Künstlerin wurde.

Das Stück stand 2014 schon einmal auf dem Spielplan von Impulstanz. Heuer zeigt das Festival die Arbeit nicht nur als Classic, es widmet der südkoreanischen Künstlerin überhaupt eine ganze Werkschau. Geumhyung Jeong setzt sich auf vielschichtige Art und Weise mit der Beziehung von Mensch und Maschine auseinander. In „Rehab Training“ (16. und 17.7.) geht es um Care-Arbeit, die immer öfter Roboter erledigen, in „Spa & Beauty“ (11. und 12.7.) um die Wellness-Industrie. In „Homemade RC Toy“ (1. und 4.8.) wiederum treten ferngesteuerte Roboterskulpturen auf.

„Oil Pressure Vibrator“: Burgtheater-Kasino, 22.7., 21.00, und 23.7., 22.00


Choreografie für Biber

Sie ist kein Geheimtipp, sondern einer der größten Stars der zeitgenössischen Tanzszene. Anne Teresa de Keersmaeker kommt alle Jahre wieder mit ihrer Compagnie Rosas nach Wien, und ein Besuch hat sich noch jedes Mal gelohnt. Die belgische Choreografin und Tänzerin setzt sich intensiv mit der Beziehung zwischen Musik und Bewegung auseinander. Ihre Choreografien zu den Kompositionen von Johann Sebastian Bach sind legendär.

Dieses Mal tanzen sechs Tänzer:innen von Rosas zu den Klängen des böhmischen Barockkomponisten und Geigers Heinrich Ignaz Franz Biber. Seine „Mystery Sonatas“ würden die Grenzen dessen verschieben, was man mit einem Instrument machen kann, meint de Keersmaeker. Die Violinistin Amandine Beyer und ihr Ensemble Gli Incogniti liefern die Live-Musik.

Volkstheater, 12. bis 15.7., 21.00


Duett mit einem Klavier

„Herstory“ statt „History“, möchte Lenio Kaklea mit dem Stück „Sonatas and Interludes“ sagen. John Cage komponierte sein gleichnamiges Schlüsselwerk in den 1940ern für die beiden afroamerikanischen Choreografinnen Syvilla Fort und Pearl Primus. An diese Geschichte erinnert Kaklea mit ihrem Duett, in dem sie und der Pianist Orlando Bass in einen abstrakten Dialog treten.

1985 in Athen geboren, lebt Kaklea als Tänzerin, Choreografin und Autorin in Paris. Neben zeitgenössischem Tanz studierte sie Politikwissenschaft, das prägt auch ihre Stücke. Schon 2013 war eine ihrer Arbeiten, „Arranged by date“, im Rahmen von [8:tension] bei Impulstanz zu sehen, seitdem ist sie regelmäßig beim Festival zu Gast. Heuer tritt sie in schwarzer Motorradkluft und einem rotem Einteiler auf.

Muth, 30.7. und 1.8., 19.00


Melancholie und Hip-Hop

Tiran Willemse befragt in „blackmilk (melancholia)“ Schwarze Männlichkeit. Der gebürtige Südafrikaner lebt schon lange als Schwarzer Tänzer in Europa. Er studierte an der renommierten Ausbildungsstätte für zeitgenössischen Tanz P.A.R.T.S. in Brüssel und schließt gerade sein Theaterregiestudium an der Hochschule der Künste in Bern ab.

„Schwarz zu sein ist für die Menschen hier im Westen immer noch etwas Fremdes“, sagt Willemse. Mit seinem Stück versuche er, Erwartungen zu unterlaufen. Im Zentrum seines Solos, das Teil der [8:tension]-Reihe ist, stehen Handgesten, die normalerweise in sehr melancholischen Filmen vorkommen: Eine Frau wischt sich die Tränen ab, legt ihr Haar hinters Ohr oder raucht eine Zigarette. Dazu stellt der junge Tänzer die Handgesten männlicher Rap-Stars nach.

Schauspielhaus, 18.7., 19.00 und 20.7., 21.00


Impulstanz – Vienna International Dance Festival: 7.7. bis 7.8., Karten: www.impulstanz.com

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