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Feuilleton, FALTER 28/22 vom 13.07.2022

Die Mutter spielte schon in "Auf Erden sind wir kurz grandios", dem autobiografischen Debütroman von Ocean Vuong, eine Rolle. In einem Gedichtband zieht er seine ganz eigene Art von Empfindsamkeit und Elegie weiter. Er tanzt "um Mitternacht auf dem Gemeindefriedhof zu traurigen Songs" und verabschiedet die 2019 an Brustkrebs verstorbene Mama. Das fragile Ich schüttet Farbadjektive mit dem Füllhorn aus: Augen sind kerosinblau, Haare bernsteinhell, Socken meergrün, Vans hoffnungsblau.

In "Künstlerroman" spielt Vuong Szenen eines Lebens auf einer Videokassette rückwärts ab. In "Liebe Rose" wendet er sich direkt an seine Mutter "Rosa Rose Hồng Mom", die als Tochter eines weißen Soldaten und einer Vietnamesin in den Krieg geboren worden war. Verlust, Einsamkeit, Verletzlichkeit und Resignation werden in diesen Texten spürbar.

JULIANE FISCHER

Ocean Vuong: Zeit ist eine Mutter. Gedichte. Aus dem Englischen von Anne-Kristin Mittag. Hanser, 112 S., € 20,60


Das Treiben auf den Straßen, Krähen im nassen Winter und immer wieder ein lyrisches Ich, das alles vom Fenster aus beobachtet, ja, ausnahmslos alles Sichtbare wahrnimmt: Wie ein nie versiegender Bewusstseinsstrom stürzen sich Sabine Schiffners Verse mit Rasanz und Passion in die Welt. Vor unserem inneren Auge entsteht eine Seelenlandschaft. Was die Lyrikerin in ihr sucht, ist die manchmal zu übersehende, aber in Wirklichkeit große Schönheit.

Mal äußert sie sich im Zwiegespräch mit dem Herbst, mal im Genuss der Sonne, wenn ihre Strahlen die Schmetterlinge zum Glitzern bringen. Dass sich unter den vielen lebensbejahenden Gedichten in "Wundern" mitunter auch einige finden, die von Furcht oder einem Albtraum vom vermeintlich gestorbenen Kind berichten, verleiht dem Band eine existenzielle Spannweite. Fazit: Berührend.

BJÖRN HAYER

Sabine Schiffner: wundern. Gedichte. Quintus, 112 S., € 15,40

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