Und jetzt alle zusammen

Gemeinsames Kunstmachen ist in aller Munde. Im Mumok zeigt die Sammlungsschau „Kollaborationen“, was Künstlerinnen und Künstler im Paarlauf, als Gruppenarbeit oder für zeitweilige Projekte ausgeheckt und zustande gebracht haben

Nicole Scheyerer
FALTER:WOCHE, FALTER 29/22 vom 19.07.2022

Mit ihrer Performance „Costumes“ provozierte das russische Künstlerpaar Rimma und Valeriy Gerlovin 1977 die Zensur der Sowjets (Foto: Valeriy Gerlovin/Rimma Gerlovina)

Was für ein sonderbar möbliertes Puppenhaus! Anstatt putziger Stühlchen und Bettchen stehen darin Gebilde aus Draht. Auch die Wände ziert untypischer Dekor, etwa Bildchen mit Buchstaben oder winzigen Schwarzweiß-Fotos. Für „Dollhouse of a Poem“, eine Skulptur von Kerstin von Gabain und Nino Sakandelidze, haben 50 Kolleginnen und Kollegen Kunstwerke in X-Small beigesteuert.

Die Gemeinschaftsarbeit ist aktuell in der Schau „Kollaborationen“ im Mumok zu bewundern. In Teamwork haben die Kuratoren Heike Eipeldauer und Franz Thalmair die hauseigene Sammlung nach Kunstwerken durchforstet, in denen das einsame Genie ausgedient hat.


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„Kollaborieren“ kann viel bedeuten: vierhändig ein Bild malen, als Gruppe einen Film oder ein Buch produzieren oder das Publikum zum Mitmachen auffordern. Künstlerische Paare, Gruppen und Kollektive spielen in der Ausstellung eine ebenso große Rolle wie Arbeiten Einzelner, die sich um Formen der Interaktion und Gemeinschaftlichkeit drehen.

Historische Avantgarden wie die Dadaisten oder Surrealisten haben vorgemacht, dass man(n) den Kunstbetrieb im Rudel viel besser aufmischen kann. Die Wiener Gruppe experimentierte mit Sprache und veranstaltete Happenings. Ein Foto von 1959 zeigt Friedrich Achleitner und Gerhard Rühm, wie sie mit Äxten einen Flügel – den Inbegriff bürgerlicher Hochkultur – umhacken.

Feinere Klingen der Demontage verwendete die Fluxus-Bewegung. Die in den USA, Deutschland und Japan aufgeblühte Sixties-Strömung feierte den Fluss schöpferischer Ideen, das vollendete Kunstwerk wurde zur Nebensache erklärt. In einer Vitrine der Schau steht George Brechts Skulptur „The Universal Machine“, ein Schuhputzerkasten voller Zettelchen. Die vielen kleinen Textfragmente, Fotos, Zeitungsausschnitte und so weiter sollten nach dem Zufallsprinzip Ideen für neue Arbeiten liefern.

Die Ausstellung geht nicht chronologisch vor, sondern konzentriert sich auf Themen, etwa „Paarbeziehungen“. Dabei sticht vor allem eine Performance von Rimma Gerlovina und Valeriy Gerlovin aus dem Jahr 1977 hervor. Bei einem Picknick im Grünen ließen sich die beiden im „Adams- und Evakostüm“ fotografieren. War das Protest gegen die sowjetische Zensur? Oder der Wunsch nach einer Rückkehr ins Paradies? Gerade ihre Vieldeutigkeit macht diese Arbeit so reizvoll.

In den sozialistischen Ländern, wo das Kollektiv alles und der Einzelne wenig galt, war die Abschaffung von Autorenschaft zwiespältiger als im Westen. Das Schaffen der Künstlergruppe IRWIN kreist seit fast 40 Jahren um das Verhältnis von Kunst, Ideologie und Totalitarismus. Ein inszenierter Volkstanzreigen steht in diesem Kontext für – suspekte – kulturelle Einheit.

Aber was hat es mit den quer durch die Schau hängenden Schildern „Keiner hilft keinem“ auf sich? Es war der Wahlspruch der Lord Jim Loge, eines 1985 gegründeten Clubs rund um den Grazer Künstler Jörg Schlick. Diese Seilschaft, zu der auch der posthum berühmt gewordene Martin Kippenberger zählte, wollte offiziell keine sein. Aus dem Motto spricht das Konfliktpotenzial, das Gemeinschaftskunst in sich trägt.

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Debatten darüber, wer die Idee hatte, wer was produzierte, wer als Autor genannt wird und wer – sehr wichtig! – am Ende kassiert, endeten nicht selten vor Gericht. So auch beim Künstlerpaar Marina Abramović und Ulay, die vor einigen Jahren wegen Verkäufen miteinander prozessierten. Ab 1976 führten die Serbin und der Deutsche teils extreme Aktionen aus. Das Mumok zeigt ihre Performance „Breathing In / Breathing Out“: Die Münder aneinandergepresst, atmeten sie so lange gemeinsam, bis sie vor Sauerstoffmangel fast kollabierten – ein hartes Bild für eine symbiotische Beziehung.

Insgesamt dominiert Kunst, die von Männern gemeinsam ausgeheckt wurde, die Sammlungsschau. Umso erfreulicher die Aktionen des Quartetts Die Damen, die mit bissigem Humor auf weibliche Unsichtbarkeit hinwiesen. Ingeborg Strobl, Birgit Jürgenssen, Evelyne Egerer und Ona B. traten bei ihren Aktionen im Businesslook auf und parodierten so auch die schulterpolstrige Karrierefrau der 1980er-Jahre.

Auf der aktuellen Documenta in Kassel ging das Prinzip Kollaboration ordentlich in die Hose. Als das Kuratorenkollektiv Ruangrupa 2021 seine Videoreihe „Lumbung Calling“ aufzeichnete, die jetzt im Mumok läuft, war die Welt noch in Ordnung. Auf die Vorwürfe des Antisemitismus gab es später nur oberflächliche Reaktionen. Die Haltung „Alle dürfen mitmachen“ hat sich als Teflonschicht für die Suche nach „Schuldigen“ erwiesen.F


Kunstsommer in Wien: Queere Quallen, Totems und Avatare

Katrina Daschner „Burn & Gloom! Glow & Moon!“

Die Kunsthalle Wien widmet der Künstlerin, Burlesque-Queen und Filmemacherin Katrina Daschner (oben links im Bild) ihre erste Personale. Die Werkschau beginnt bereits im Foyer, wo auf Screens die frühen Gender-Maskeraden Daschners laufen. Ab 1999 filmte und fotografierte sich die Künstlerin selbst mit rosaroten Häkeleien, die an Geschlechtsteile erinnern. Vorbei an bestickten Textilbildern führt die Schau durch die „Vagina dentata“, eine Tür mit Zackenzähnen, in dunkle Säle. Zu den vier Videoinstallationen zählt auch Daschners jüngste Arbeit „Golden Shadow“. Geheimnisvolle Figuren bevölkern die Filme. Es heißt Abtauchen in traumgleiche Gefilde, wo Quallen und Korallen strömen, Kunsthaar und Glitter glänzt. Mal ziehen Wasserwesen, mal geschmeidige Pferdefrauen in den Bann. Geschlechtergrenzen weichen auf, queere Lust regiert.

Kunsthalle Wien im MQ, bis 23.10.


Rebecca Warren „The Now Voyager“

Der Sockel ist ein heißes Thema in der Geschichte der Bildhauerei und lässt auch die Künstlerin Rebecca Warren nicht kalt. Im Belvedere 21 präsentiert sie ihre heavy Bronzen auf ungewöhnlichen Podesten oder auf Rollwagerln. Vieles wirkt sperrig und grotesk in der „The Now Voyager“ betitelten Einzelschau der 1965 geborenen Britin. So etwa eine kleine Frauenfigur, die auf einer Kugel (oder ist es ein Popo?) kniet – das Werk trägt den Titel „And Who Would Be My Mother (of Invention)“. Bei der Skulptur „Transformer“ wird die Fantasie wach. Zunächst mutet sie abstrakt an, aber ein rosafarbener Fleck legt eine Fährte: Handelt es sich um einen lackierten Zehennagel? Dass Warrens Kunst humorvoller ist, als sie auf den ersten Blick scheint, legen ihre Neonskulpturen nahe. Diese fröhlich bepinselten Leuchtteile wirken so, als würden sie lächeln.

Belvedere 21, bis 16.10.


Die Sammlung Chobot

Die Albertina erhielt 2019 von dem Galeristenpaar Dagmar und Manfred Chobot mehr als 800 Arbeiten geschenkt. Ein Auszug aus dieser Kollektion ist jetzt zu sehen. Allein für die Entdeckung von Ernst Zrdahals poppigen Cut-out-Figuren lohnt der Besuch der Schau. Der 1944 geborene Wiener kreierte aus dem Geist der Seventies farbig-flächige Schichtbilder cooler Typen, Schlaghosen und Plateauschuhe inklusive.

In der Chobot-Kollektion wimmelt es von archetypischen Figuren, etwa die Babys in Bruno Gironcolis Skulpturen oder die gezeichneten Kopffüßer des Gugginger Künstlers Oswald Tschirtner. Die hybriden Figuren von Verena Bretschneider (Bild links), der einzigen Künstlerin der Schau, erinnern an Totems. Zu den eindrucksvollsten Stopps im Ausstellungsrundgang zählt Alfred Hrdlickas Großgemälde „Exekution“ aus dem Jahr 1965, vor dem ein Steintorso auf dem Boden liegt.

Albertina, bis 18.9.


LaTurbo Avedon „Pardon Our Dust“

Avatar ersetzt Künstler*in: Bereits seit 2008 wandelt LaTurbo Avedon über Plattformen wie Second Life und erweitert dort ihren „Character“. Die non-binäre Kunstfigur mit dem blonden Kurzhaarschnitt hat schon Installationen, Skulpturen, Videos und Performances produziert, die virtuelle Disco Club Rothko gestaltet und mehrere Ausstellungen kuratiert.

Nun ist LaTurbo Avedon – Schöpfer*in unbekannt – mit der Ausstellung „Pardon Our Dust“ in der Mak-Galerie zu Gast (Kuratorin: Marlies Wirth). Auf einem halben Dutzend Screens, die wie ein Altar angeordnet sind, taucht mehrfach LaTurbo Avedons Konterfei auf. Das Publikum kann auf Sitzsäcken Platz nehmen und dem poetischen Monolog lauschen. Die Frage nach dem Verhältnis von Netz und User*in bildet den Bodensatz der Schau.

Mak Galerie, bis 25.9.

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