Guavenmarmelade für die Freiheit

Beim Festival Glatt&Verkehrt in Krems ist die große afro-peruanische Sängerin und Musikethnologin Susana Baca zu Gast

BEGEGNUNG: SEBASTIAN FASTHUBER
FALTER:WOCHE, FALTER 29/22 vom 20.07.2022

Foto: Ricardo Pereira

Das Weltmusikfestival Glatt& Verkehrt bringt bis Ende Juli traditionelle und zeitgenössische Musik aus aller Welt nach Krems. Ulla Pirttijärvi aus Finnland etwa performt am 28. Juli mit ihrer Band Áššu die erstaunliche, weil wortlose Vokalmusik der Samen aus dem Norden Skandinaviens, am selben Abend tritt auch die US-amerikanische Jazzlegende Archie Shepp auf.

Der absolute Höhepunkt kommt aber zum Schluss: Am 31. Juli singt die Peruanerin Susana Baca. Mit ihrer magischen, alterslosen Stimme erweckt Baca die Lieder des schwarzen Peru auf ungemein poetische Weise zu neuem Leben.

"Palabras Urgentes" - wichtige Worte - heißt das aktuelle Album der mit 77 Jahren ungebrochen produktiven Sängerin, die als "Artist in Residence" bereits seit Anfang Juli in Krems weilt. Ihre Musik klingt gleichermaßen zart wie kraftvoll. Diesen Eindruck vermittelt Baca auch bei der persönlichen Begegnung, im Gespräch wirkt sie lässig und zugleich konzentriert.

Das mitgebrachte Tablet verwendet sie nicht etwa, um während des Interviews Mails abzufragen, sondern um bei Bedarf eine Jahreszahl aus ihrer langen Laufbahn parat zu haben. Als Nachschlagewerk dient ihre demnächst auf Spanisch erscheinende Autobiografie.

Susana Baca entstammt der afro-peruanischen Minderheit des Landes und wuchs als Tochter einer Tänzerin und eines Gitarristen bei Lima auf. Musik war im Haushalt zwar omnipräsent, die Mutter wollte aber, dass ihre Tochter einen "ordentlichen" Beruf ergreift. Baca sollte Lehrerin werden, sie studierte Musik und unterrichtete einige Jahre Gesang und später Tanz.

Anfang der 1970er lernte sie den jungen Bolivianer Ricardo Pereira kennen, der sie bis heute als ihr Mann und Manager begleitet. Gemeinsam begannen sie als Musikethnologen die schwarzen Wurzeln der peruanischen Musik zu erforschen. Sie reisten dafür durchs Land und führten viele Gespräche. Die Geschichten, Lieder und Instrumente, die sie sammelten, bildeten die Basis für Bacas eigene Musik.

Leicht hatte sie es damit nicht. "Rassismus war und ist in Peru ein großes Problem", sagt die Sängerin. "Die Gesellschaft ist sehr bunt und divers, aber leider wird das meist nicht als Vorteil gesehen. Als schwarze Frau fand ich lange kein Gehör." Sie und ihr Mann schlugen sich mit diversen Gelegenheitsarbeiten durch. Jahrelang verkauften die beiden etwa selbstgemachte Guavenmarmelade. "Wir haben sie in einem riesigen Topf gekocht und mit dem Kochlöffel bestimmt zwei Mal die Welt umrundet", erzählt Baca lachend.

Der Löffel hängt heute an einer Wand in ihrem Haus. Er ist mehr als eine Erinnerung - er ist ein Symbol. "Die Marmelade gab mir die Freiheit zu singen, was ich will", erklärt Baca. "Die Radio- und Fernsehleute mochten zwar meine Stimme. Aber sie sagten, ich sänge Poesie. Das würde den Leuten nicht gefallen."

In ihren Anfangsjahren trat sie nicht in Konzertsälen, sondern in von Frauen organisierten Gemeinschaftsküchen armer Stadtviertel auf. Hier perfektionierte Baca das Lied "María Landó" über den täglichen Kampf einer schwarzen Arbeiterin, das über die Jahre zu einer Hymne der Unterdrückten und Marginalisierten in Peru werden sollte.

Viel später entdeckte der New Yorker Musiker David Byrne den Song und veröffentlichte ihn auf seinem World-Music-Label Luaka Bop. Es war der Startschuss für Bacas späte Karriere. "In Peru wollten sie keine Poesie, aber international hat es funktioniert", sagt sie heute stolz.

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Inzwischen ist Susana Baca auch in ihrer Heimat berühmt. Sie beeinflusst junge Kolleg:innen, die sie liebevoll ihre "Enkel" nennt. Während ihrer Amtszeit als Kulturministerin konnte Baca durchsetzen, dass Künstler:innen eine Pension erhalten. Die politische Karriere dauerte kaum ein halbes Jahr. Korruption sei ein riesiges Problem in Peru, das sowohl die Politik als auch die Rechtssprechung betreffe, erzählt die Künstlerin. "Susana war vielleicht die einzige Politikerin bei uns, die sauber geblieben ist", ergänzt ihr Mann.

Ihr wahres Zuhause ist ohnehin die Musik. "Palabras Urgentes" ist eines ihrer schönsten Alben - und das vielleicht kompromissloseste: "In meinem Alter schere ich mich überhaupt nicht mehr darum, was die Leute von mir hören wollen", sagt Baca. Sie singt über Kriminalität, den Klimawandel - und erinnert an wichtige Frauen in der Geschichte Perus.

Baca hat noch viel vor. Das aktuelle Album ist ihr erstes auf Peter Gabriels Label Real World Records; eine Platte mit Liedern ihrer Vorgängerin Chabuca Granda (1920-1983) ist in Vorbereitung. "Man muss immer wieder zurück zu den Wurzeln gehen", sagt Baca. "Erst dann kann man seine eigene Musik erschaffen."


Das Hauptprogramm von Glatt&Verkehrt läuft von 27. bis 31.7. bei den Winzern Krems

www.glattundverkehrt.at

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