Jö schau, a Radau in Litschau

Zum fünften Mal findet in Litschau das Festival Hin & weg statt. An zwei Wochenenden gibt es Lesungen, Musik und Theater an jeder Ecke, in jedem Schuppen – und direkt am erfrischenden Herrensee. Unsere Highlights

Martin Pesl
FALTER:WOCHE, FALTER 32/22 vom 09.08.2022

Foto: Hans-Christian Hasselmann

In Litschau, Österreichs nördlichster Stadt, befindet sich das wahrscheinlich einzige Strandbad des Landes, das ein eigenes Theater hat. Das Herrenseetheater, das 300 Leute fasst, steht direkt neben dem Standl für Pommes frites und Eis.

Das ist Zeno Stanek aber nicht genug. Der Intendant hat hier in den letzten Jahren ein kleines Theaterdorf zum Proben und Kreativsein aufgebaut. Neben dem Musikfestival Schrammel.Klang veranstaltet er hier am See seit 2018 an zwei August-Wochenenden das Hin & weg, ein Festival mit so viel Programm, dass man kaum durch das 2138-Einwohner-Städtchen gehen kann, ohne in eine Aufführung, eine szenische oder „ganz normale“ Lesung, einen Talk oder ein Konzert hineinzustolpern. Selbst beim Schwimmen im herrlich kühlen Herrensee stieß man schon mal auf ein Floß, auf dem eine Darbietung stattfand.


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Und wenn dann auch die alte Bäckerei, der Busbahnhof oder das Gütermagazin schon besetzt sind, gehen die Stars in die privaten Küchen Litschaus und lesen den Kochenden und deren Gästen ihre Lieblingstexte vor. Einer von ihnen ist die Schauspielerin Katharina Stemberger. Als Schirmherrin des Festivals eröffnet sie zudem jeden Tag mit einem eigenen Prolog.

Der Erfolg der ersten Ausgabe überraschte selbst die Verantwortlichen. Damals wurden nur Tagespässe ausgegeben, die einzelnen Shows waren überrannt. Inzwischen kann und sollte man auch einzelne Tickets vorbestellen. Der Falter stellt aus der Fülle an Kunst ein paar Highlights vor, warnt aber: Spielorte können sich ändern, also bitte auch die Website und den vor Ort ausgegebenen Plan konsultieren! F


Hin & weg, Programm 12. bis 21. August, hinundweg.jetzt


All das Schöne

Selten hat sich ein Theaterautor das mit der Publikumsbeteiligung besser überlegt als der Brite Duncan Macmillan. Publikum will sich nämlich von Natur aus lieber nicht beteiligen. In dem berührenden Quasi-Solo „All das Schöne“ weist die Hauptfigur den Anwesenden Einträge auf ihrer Liste von Dingen zu, die das Leben schöner machen. Einfach nur „Schokolade“ vorlesen oder sich anspielen lassen! Das erwärmt das Herz, obwohl es um ein hartes Thema wie Suizidgefährdung geht. Nach Litschau ist die Salzburger Inszenierung von Verena Holztrattner mit Magdalena Oettl in der Hauptrolle eingeladen.

Strandbad Litschau, Glasfoyer, 19. August, 18.00; 21. August, 16.00


Ernst Molden und Maria Petrova

Wenn Molden kommt, wird es melancholisch. Denn dann ist das Hin & weg 2022 auch schon wieder fast vorbei. Zum Abschlusskonzert im Herrenseetheater bringt der Wiener Liedermacher und Dichter die bulgarische Perkussionistin und Schlagzeugerin Maria Petrova mit, die unter anderem für Moldens Album „Dei Schwesda waand“ auf die Trommel gehaut hat. Die beiden werden Ernst Moldens größten Hits einen bluesigeren Anstrich verpassen. Als Gast schaut unter anderem die diesjährige Musikerin in Residence Anna Anderluh vorbei. So schließt sich der Festivalkreis.

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Herrenseetheater, 21. August, 21.00


Menschen im Wald – ein Hörspaziergang

Bei diesem Audiowalk durch den Wald haben die Hörenden Texte von Natascha Gangl im Ohr, die sich um das Thema Wald drehen. Damit aber nicht genug: Nach einigen Metern tauchen immer wieder Spielerinnen wie Naemi Latzer oder Hannah Rang in weißen Kleidchen auf und bringen sich in Pose, verschwinden wieder und lassen einen an die Existenz von Elfen glauben. Ein sinnliches Hörstück für den wohligen Grusel. Die „Sprachsinfonie zwischen Anbetung und Abholzung“ wurde von Hans-Christian Hasselmann erstmals 2020 für Litschau entwickelt und ist seither fester Bestandteil des Festivals.

Treffpunkt Strandbad, Festivalkassa, 20. August, 18.00; 21. August, 10.00, 18.00


Zell-Arzberg. Ein Exzess

Ein Ehepaar am Ende: Eigentlich wollen sich A und B trennen, können aber nicht voneinander lassen, stattdessen ergehen sie sich im erbitterten Rosenkrieg – mit tödlichem Ausgang. Das in Vergessenheit geratene Hörspiel des Kärntner Autors Werner Kofler glänzt in der Bühnenfassung für Johanna Orsini-Rosenberg und Reinhold G. Moritz durch besonders bösen Biss. Der Kniff des Regisseurs Franz-Xaver Mayr, der mit dem szenischen Minimum operiert: Er lässt die beiden manche Passagen gemeinsam chorisch sprechen, was den vermeintlichen Konflikt ironisch unterläuft.

Moment, 13. und 14. August, 18.00


Cables

Der Grazer Theatermacher Christian Winkler – als Regisseur nennt er sich Franz von Strolchen – lässt sich schwer einordnen. Eindeutig scheint dagegen, worum es in Winklers englischsprachigem Stück „Cables“ geht: um Kabel. Ein nordmazedonischer Musiker (Ivica Dimitrijevic) bereitet seinen Auftritt vor und trifft dabei auf die Veranstaltungstechnikerin (Nina Ortner). Eine konfliktbeladene Begegnung, denn ein Kabel ist kaputt. Wie Winkler in diese Situationskomik Philosophie und Politik einbringt, möge das Publikum selbst verfolgen. Aus „Cables“ stammt übrigens auch das Coverfoto der aktuellen Falter:Woche.

Herrenseetheater, 12. August, 19.00; 13. August, 19.30


Sonntagsnebel

Christa und Kurt Schwertsik (Bild) spielen die Großeltern in dem Generationenstück der Linzer Autorin Anna Morawetz, das im Rahmen der Wiener Wortstätten entstand und das Manuel Horak als eine von vielen szenischen Lesungen beim Festival eingerichtet hat. Obwohl einige aus der Familie schon tot sind, sitzt man gemeinsam bei Tisch und isst Suppe. Die Jüngsten beginnen Fragen zu stellen, zur Nazizeit und so. Der äußerst musikalische Text packt auf sieben Spielerinnen und Spielern verteilt die Aufmerksamkeit. Johanna Orsini-Rosenberg als Mutter sorgt mit ihrem trockenen Humor für Aufheiterung im Vergangenheitsnebel.

Altes Kaufhaus, 13. August, 15.00; 14. August, 13.30 (mit Autorinnenlesung)


Die andere Hälfte des Himmels

Schon im allerersten Jahr gastierten die Performerin Barbara Gassner und der Musiker Florian Kmet mit diesem unkonventionellen Heimatstück beim Hin & weg. Gassner forscht mit Video, Musik und markerschütterndem Jodeln der Geschichte ihres Großvaters Siegfried Schwabl nach. Der Sohn eines russischen Kriegsgefangenen ließ sich um 1930 im Pinzgau nieder. Für Barbara Gassner ist die Recherche Anlass, ihre eigene Beziehung zu dieser Heimat zu überprüfen. Nicht zufällig lautet das Motto des heurigen Festivals: „Vorfahren!“

Pelos Schuppen, 12. August, 20.30; 13. August, 16.30


Fishing for Shadows

Auch für Kinder bietet das Hin & weg Programm. In den Theatergarten „Fishing for Shadows“ dürfen sie zwar nur in Begleitung Erwachsener hinein, aber da haben die meisten Kinder eh nix dagegen. Große und kleine Puppen, Musik und Soundeffekte, Automaten und Spielzeug, allesamt aus recycelten Materialien, erwarten das Publikum in dieser Wunderwelt, die von den Stränden und Gletschern Neuseelands inspiriert ist. Von hier stammt die Puppenspielerin Rebekah Wild (Bild), die den interaktiven Garten erdacht hat. Performerinnen und Performer spinnen die angetroffenen Objekte mithilfe kindlicher Fantasie zu Geschichten weiter.

Strandbad, 13. bis 21. August, mehrmals täglich ab 13.00

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