Über Jurist:innen kann man sehr gut Witze machen

Toxische Pommes kennt man als Satirikerin aus sozialen Medien. Auf Tiktok und Instagram parodiert sie verschiedene gesellschaftliche Typen und deren Alltagsrassismus. Nun tritt sie erstmalig mit einem Bühnenprogramm auf

Lina Paulitsch
FALTER:WOCHE, FALTER 34/22 vom 23.08.2022

Irina alias Toxische Pommes ist vor allem beim jungen, politisch interessierten Publikum bekannt (Foto: Muhassad Al-Ani)

Sie hatte gerade eine toxische Beziehung beendet, es war Lockdown, und ihr war langweilig. Vor mehr als zwei Jahren begann Irina – ihren Nachnamen hält sie geheim –, kurze Videoclips auf Social Media hochzuladen. Auf der Plattform Tiktok, die in Österreich rund 1,2 Millionen Menschen nutzen, ist Irina mittlerweile ein Star. Knapp 75.000 Follower zählt Irina unter dem Pseudonym Toxische Pommes, 100.000 sind es auf der Plattform Instagram. Vor allem beim jungen Publikum trifft Toxische Pommes einen Nerv.

Der Herbert, der „den Flüchtlingen“ empfiehlt, heimzugehen und ihr Land aufzubauen. Der Lorenz, woker Jusstudent, der gerne indische Züge fotografiert („voll die coole Ästhetik“), aber die U6 verschmäht. Der Künstler, der eine Frau zuerst idealisiert, dann mit den Worten „Ich bin nicht deine Projektionsfläche!“ von dannen zieht. In ihren Clips trifft Toxische Pommes oft den Kern von Charakteren, die ein jeder kennt. Sie überspitzt Klischees, beobachtet Alltagsszenen und deren Absurditäten. Meistens nimmt sie die österreichische Mehrheitsgesellschaft aufs Korn und deren Umgang mit Zuwanderern, fremdländisch Aussehenden oder Feministinnen. Aber auch die „Balkan-Mentalität“ ihrer eigenen Community weiß sie treffsicher zu parodieren. Der Großteil ihrer Situationskomik ist aus dem eigenen Leben gegriffen.


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Im Herbst und Winter tritt Toxische Pommes auf Wiener Kabarettbühnen auf. Schon einmal ist ihr Programm „Ketchup, Mayo und Ajvar“ im Mai zur Aufführung gekommen. Der Falter traf Toxische Pommes zum Gespräch über Social Media, die Kabarettszene sowie darüber, warum sie am liebsten den klassischen Falter-Leser parodiert.

Falter: Toxische Pommes, im Internet sind Sie mit Ihren satirischen Videos sehr erfolgreich. Nun wechseln Sie von den Social Media auf die Bühne. Gehen Sie selbst auch gerne ins Kabarett?

Toxische Pommes: Nein, bevor ich angefragt wurde, hatte ich eigentlich gar keinen Bezug zum Kabarett. Ich musste mich dann erst mal informieren, was dieses Genre genau ausmacht. Ich habe gesehen, dass Kabarettisten oft eine Rolle spielen, dass sie performen und singen. Eine Art Theaterstück, das man mit sich selbst spielt. Ehrlich gesagt, glaube ich gar nicht, dass mein Programm klassisches Kabarett ist. Ich würde auch nicht sagen, dass ich von Social Media zur Bühne wechsle, sondern einfach noch ein zusätzliches Medium ausprobiere.

Worum geht es denn in dem Stück?

Toxische Pommes: Es geht grundsätzlich um Lebensabschnitte und Gefühle, die ich als Person mit Migrationshintergrund in Österreich erlebt habe. Und ich habe den Eindruck, dass viele Menschen mit ausländischen Wurzeln ähnliche Phasen durchlaufen. Viele Freunde und Bekannte haben dieselben Gefühle von Frust, von Identitätssuche. Es ist eine Art Coming-of-Age-Stück, mit den Konflikten, die ich als junge Person erlebt habe. Diese Schablonen, in die man sich hineinzupressen versucht. Und die Ernüchterung, die entsteht, wenn man, egal wie sehr man sich anstrengt, das Gefühl bekommt, nirgends so richtig hineinzupassen.

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Der Programmtitel lautet: „Ketchup, Mayo und Ajvar“. Was war die Überlegung dahinter?

Toxische Pommes: Ich hatte tatsächlich nur zehn Stunden Zeit, um mir einen Programmnamen zu überlegen. Den Titel habe nicht groß durchdacht. Ich bekam einen Anruf vom Intendanten Andreas Fuderer des Kabarett Niedermair bzw. Stadtsaal, der mich fragte, ob ich Lust hätte, mit einem einstündigen Programm aufzutreten. Ich hatte zwar kein Material, aber wollte es schon gerne mal ausprobieren.

Und dann?

Toxische Pommes: Eigentlich habe ich ja einen 40-Stunden-Job als Juristin. Der Haken: Das Programm sollte schon zwei Monate später stattfinden, es war der einzig freie Termin. Nicht viel Zeit, um ein Programm auf die Beine zu stellen. Dann dachte ich, dass ich das schon hinkriege, und habe zugesagt. Der Titel musste dann schnell feststehen, für die Website. Eine wahre Sturzgeburt.

Wie ist es Ihnen beim Schreiben des Programms ergangen?

Toxische Pommes: Meine Videos auf Tiktok und Instagram dauern normalerweise 15 Sekunden. Mich hinzusetzen und ein einstündiges Programm zu schreiben, noch dazu für die Bühne, ist etwas komplett anderes. Im ersten Moment fand ich das sehr abschreckend. Ich habe mich ehrlich gefragt, wie man eine Stunde auf einer Bühne stehen kann – was erzählt man? Was macht man dabei mit seinem Körper, seinem Gesicht? Zwei Monate waren ein bisschen zu sportlich. Aber ein gewisser Zeitdruck ist manchmal sogar ganz gut. Sonst ziehe ich die Arbeit gerne ewig in die Länge.

Und sind Sie mit dem Resultat zufrieden?

Toxische Pommes: Es ist ein lebendes Stück. Ich habe erst einmal gespielt, jetzt und im Herbst und Winter folgen mehrere Auftritte. Ich habe Dinge verändert, und ich denke, jede Show wird ein bisschen anders, und ich werde noch Sachen ergänzen und bearbeiten.

Sind auch fiktive Geschichten dabei?

Toxische Pommes: Nein. Die Witze und Pointen sind natürlich zum Teil zugespitzt, aber erfunden ist gar nichts.

Nun zu Ihrer Lebensgeschichte. Sie kamen mit anderthalb Jahren nach Österreich, Ihre Eltern flüchteten aus dem damaligen Jugoslawien. Sie wuchsen in Wiener Neustadt auf und studierten später Jus in Wien. Warum fiel die Wahl auf dieses Studium?

Toxische Pommes: Da bin ich eigentlich mehr oder weniger reingestolpert. Weil ich nicht genau wusste, was ich studieren soll. Und Jus ist halt ein gutes „Brotstudium“, und ich dachte mir: Okay, ich probiere es einfach mal! Und dann bin ich später draufgekommen, dass es mir sehr gefällt.

Ist die Juristerei nicht das glatte Gegenteil von Comedy?

Toxische Pommes: Nein. Wenn ich einen kurzen Videoclip entwerfe oder ein Kabarettprogramm schreibe, erinnert mich das oft ans Schreiben einer wissenschaftlichen Arbeit. Es gibt Parallelen: Man muss eine Situation analysieren und auf ihre Bestandteile herunterbrechen. Das Studium hat mir geholfen, Texte und Gedanken zu gliedern, Thesen aufzustellen. Im analytischen Blick auf Gesellschaftsphänomene kann ich Synergien zwischen meinen Berufen sehr gut nutzen. Außerdem sind Jurist:innen ein faszinierendes Gesellschaftsphänomen, über das man sehr gut Witze machen kann.

Könnten Sie sich vorstellen, Ihren Beruf als Juristin für die Bühne an den Nagel zu hängen?

Toxische Pommes: Na ja, ich kann von Tiktok nicht leben, das würde sich finanziell nie im Leben ausgehen. Und ich hatte bis jetzt erst einen Auftritt, mit dem ich Geld verdient habe. Abgesehen davon arbeite ich sehr gerne als Juristin und mag es persönlich, zwei Stand- bzw. Spielbeine zu haben.

Was macht Tiktok für Sie interessant?

Toxische Pommes: Das Spannende an Social Media und insbesondere an Tiktok ist, dass es eine niederschwellige Form ist, um gehört zu werden. Dass verschiedene Gruppen, die sonst kaum oder die falsche Medienpräsenz haben, eine Stimme bekommen. Menschen, die marginalisiert und quasi unsichtbar sind. Und dass man sich einfach vernetzen kann und Einblick in Lebensrealitäten von Menschen bekommt, die man über herkömmliche Medien nicht hat.

Und haben Sie schon einmal negative Erfahrungen gemacht? Hass im Netz?

Toxische Pommes: Ja, klar. Meinen Umgang mit Hasskommentaren ändere ich ungefähr alle paar Wochen. Kritik versuche ich nachzuvollziehen, aber nicht, wenn sie auf reinem Hass basiert. Dass das Internet kein rechtsfreier Raum ist, ist bei vielen noch nicht so richtig angekommen. Hier gibt es aber auch großen Nachholbedarf vonseiten der Gesetzgebung und -vollziehung.

In der Kabarettszene gab es immer auffallend viele Männer. Gibt es mittlerweile mehr weibliche Kabarettistinnen?

Toxische Pommes: Als ich mich auf Youtube kundig gemacht habe, kamen bei „Kabarett“ fast ausschließlich weiße, autochthone österreichische oder deutsche Männer. Wie auch in den meisten anderen Branchen, fehlt es auch in der Comedy-Branche an Diversität und Sichtbarkeit. Außerdem wird es langsam langweilig, die Welt immer nur aus der Sicht weißer Cis-Männer zu sehen. Auch andere Menschen sind lustig.

Wollen Sie als öffentliche Person auch auf Menschen einwirken?

Toxische Pommes: In erster Linie mache ich Satire. Es ist schön, wenn Leute mir sagen, dass sie zu einer Situation aus einem Video von mir auch einen Bezug haben. Dass sie sich bestimmte Sachen auch immer schon gedacht haben oder dass sie sich in einer Situation ertappt fühlen. Etwa wenn es um Alltagsrassismus oder -sexismus geht. Man könnte aber auch sagen, ich mache einfach Kurzvideos, in denen ich mich über Dinge aufrege, die mich nerven – an mir, meiner Generation oder meinem Umfeld.

Genervtheit ist Ihr Antrieb?

Toxische Pommes: Ich habe einfach ein Mitteilungsbedürfnis, so wie alle auf Social Media, denke ich. Meine Kurzvideos werden nicht die Welt verbessern.

Wen parodieren Sie denn am liebsten?

Toxische Pommes: Hmm, wahrscheinlich den klassischen Falter-Leser.

Und wer ist das?

Toxische Pommes: Ein Bobo. Links, bürgerlich, erklärt gerne viel und hält sich für besonders weltoffen. Macht deshalb gerne viele Fernreisen. Und Fotos von fremden Kindern auf diesen Fernreisen. Wählt momentan grün, in zehn Jahren dann ÖVP.

Sie waren einmal im Politically Correct Comedy Club eingeladen. Machen Sie politisch korrekte Satire?

Toxische Pommes: Das ist ein Label, das mir zugeschrieben wurde, und seither werde ich in Interviews ständig gefragt, was man sagen darf und was nicht. Ich persönlich finde einfach, Satire eignet sich gut als Mittel zur Kritik an bestehenden Machtverhältnissen. Deshalb sehe ich persönlich wenig Mehrwert darin, nach unten zu treten, sondern eher nach oben und zur Seite.

Auch Sie arbeiten mit Stereotypen.

Toxische Pommes: Ja, in 15 Sekunden eine verständliche Bildsprache zu entwickeln, dafür braucht man manchmal auch Übertreibung. Aber sie sollten kein Selbstzweck sein. Man sollte sich auch fragen, was eine Parodie bewirkt. Parodiere ich sexistische, rassistische Menschen, um zu sagen, Rassismus ist nicht okay? Oder bin ich selbst rassistisch?

Der Vorwurf geht dann in Richtung Selbstzensur. Im Sinne von: Wer ständig aufpassen muss, was er sagt, verfügt nicht mehr über Meinungsfreiheit.

Toxische Pommes: Dem könnte man entgegenhalten: Es ist auch die Meinungsfreiheit anderer Menschen auszudrücken, dass sie gewisse Dinge verletzend oder diskriminierend finden. Oder dass diese Dinge strafbar sind. Social Media ermöglichen mehr Menschen, ihre Meinung zu äußern. Ich denke, man muss es auch aushalten können, dass man womöglich nicht mehr das alleinige Deutungsmonopol hat, andere Meinungen hört und dass man kritisiert wird. Das hat meiner Meinung nach mit Zensur nichts zu tun. F


Toxische Pommes
heißt im wahren Leben Irina, ist Anfang 30 und arbeitet als Juristin in Wien. Seit Mitte 2020 veröffentlicht sie 15-Sekunden-Clips auf ihren Tiktok- und Instagram-Profilen

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