MUSIKTHEATER Kritik

Gelungene Feuertaufe an der Volksoper: "Die Dubarry" mit Pep und Pointen

MIRIAM DAMEV
Lexikon, FALTER 37/22 vom 14.09.2022

Das Haus zeigt sich seit neuestem pretty in pink. Eröffnet hat die Intendanz von Lotte de Beer an der Volksoper hingegen traditionell eine Operette -"Die Dubarry". Uraufgeführt wurde Carl Millöckers Rarität 1879 am Theater an der Wien; in den 1930er-Jahren verpasste Theo Mackeben dem Stück eine ordentliche Portion Berliner Big-Band-Sound. Für die Volksoper verbindet der Dirigent Kai Tietje das Beste aus beiden Welten und schafft so am Pult des Orchesters eine gelungene Melange aus Wiener Charme und Berliner Swing.

Den Aufstieg des Arbeitermädchens Jeanne Beçu zur Mätresse Ludwigs XV. inszeniert Philipp Gloger mittels Drehbühne (Christof Hetzer) und rückwärts gerichteter Zeitreise: Selfies werden hier ebenso geschossen wie Perücken gepudert. Der schwierige Spagat zwischen Klischee und Dekonstruktion gelingt Gloger am besten dann, wenn nicht stark überspielt oder im "Ja, Mann, geil, ich tag dich gleich"-Jugendslang parliert wird.

Das Ensemble hat Lust am Spielen: Juliette Khalil und Wolfgang Gratschmaier geben ein selbstironisches Buffo-Paar, Marco di Sapia brilliert als bigotter Graf Dubarry, und Ulrike Steinsky entpuppt sich in der Rolle der Chefin einer Nobelboutique, Marschallin und Puffmutter als Komödiantin. An der Spitze glänzt Annette Dasch als selbstbewusste Dubarry, die erst dem armen Maler René (etwas zu forciert: Lucian Krasznec) und dann dem französischen König den Kopf verdreht. Darstellerisch ist sie eine Wucht, etwa wenn sich zwischen ihr und Oliver Liebl in der Rolle des Hauslehrers am Hof des Königs ein sensationell lustiger Dialog zwischen Knödel und Königsberger entspinnt - oder sie das Üben des Handkusses mit "Leck mir nicht die Hand, du perverse Sau" quittiert.

Nach gut zweieinhalb Stunden erfolgt dann endlich der Auftritt des Königs, verkörpert von der deutschen TV-Entertainer-Legende Harald Schmidt im Rokoko-Kostüm und mit langhaariger Lockenpracht. Eine großartige Late-Night-Ludwig-Show folgt, in der die Pointen zwischen Schmidt und Dasch nur so fliegen. Es gibt viel Applaus und ein, zwei verirrte Buhs.

Volksoper, So 19.00 Uhr

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