Ohren auf: Aus lokalem Anbau

Nur Mut, nur Mut: Was lange währt, wird endlich gut

GERHARD STÖGER
Feuilleton, FALTER 41/22 vom 12.10.2022

Dives spielen aufgeweckten Indiepop mit ausgeprägtem Melodieanteil (Foto: Marie Haefner)

Nur ned hudeln" ist kein schlechter Grundsatz. Wer aber im Pop zu lange wartet, läuft Gefahr, vergessen zu werden. Dives lassen es trotzdem lieber etwas ruhiger angehen. Drei Jahre nach dem Debüt "Teenage Years Are Over" präsentiert sich das Wiener Trio auf "Wanna Take You There" (Siluh) gelassen und fokussiert zugleich: Die bisweilen schwelgerischen, meist jedoch aufgeweckten Alternative-Nettigkeiten erinnern an den sanftmütig-lieblichen US-Indiepop der 1990er fernab von Grunge und Noiserock, die Frohnaturigkeit kennt keine Spaßtyrannei, und nach einer guten halben Stunde ist der angenehm ökonomisch dimensionierte Spaß wieder vorbei. Zweckdienlicher Hinweis: Wer My Ugly Clementine mag, sollte auch an dieser Platte Gefallen finden.

Elf Jahre ließ Saedi seit ihrem Debütalbum verstreichen. Zu Beginn von "Token"(Gridmusic) meldet sich die Wiener Songwriterin mit zwei so nebelverhangenen wie gefühlsintensiven Stücken nun aus einer dunklen Ecke: das Tempo gedrosselt, die Stimme unfroh, aber stark, die Arrangements reduziert und atmosphärisch, Klavier und Beserlschlagzeug im Zentrum. Dann scheint mit "The Bridge" kurz die Soulsonne, weiter geht es freilich gleich wieder mit Drama und Ballade. Fazit: Starkes Album; labilen Gemütern sei zu Beginn der Herbstdepression aber eine behutsame Dosierung empfohlen - obwohl das Schlussstück "Dark Night of the Soul" tipptopp Trostspenderpotenzial hat.

Bei Clara Blume waren es sieben Jahre Wartezeit, allerdings übersiedelte die Musikerin zwecks universitärer Karriere 2017 von Wien nach Kalifornien. Die Trauerweide ist ihrem auf Spanisch gesungenen zweiten Soloalbum "Soñemos, alma" (Timezone/Laloki) mindestens so nahe wie die Palme. Gejammer gibt es auch hier keines, dafür karge Schönheit ohne Gefallsucht.

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