Zehn dringende Viennale Empfehlungen

Das große Wiener Filmfestival erlebt von 20. Oktober bis 1. November seine 60. Ausgabe. Neben massenhaft Kinokunst bietet es auch ein spannendes Rahmenprogramm. Wir haben einige besondere Schmuckstücke für Sie ausgewählt

Barbara Schweizerhof, Gerhard Midding, Gerhard Stöger, Martin Nguyen, Michael Omasta, Sabina Zeithammer
FALTER:WOCHE, FALTER 42/22 vom 18.10.2022

The Banshees of Inisherin (Foto: Jonathan Hession/Searchlight Pictures/20th Century Studios)

Alles begann 1960 mit der „Internationalen Festwoche der interessantesten Filme des Jahres 1959“. Ihren Namen erhielt die Viennale erst 1962 und wuchs seither zu Österreichs größtem Filmfestival. Unter der Leitung von Eva Sangiorgi findet vom 20. Oktober bis 1. November nun die 60. Ausgabe statt. Sechs Festival-Trailer leiten das Jubiläum ein.

Das Hauptprogramm spielt alle Genre-Stückerln, vom politischen Kino über Dramen, Dokus und Komödien bis zu Experimentellem und Horror. Das Anthropozän, Corona und Gefühle existenzieller Einsamkeit sind in die Werkauswahl eingeschrieben, die heuer besonders viele Coming-of-Age-Filme enthält.


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Apropos Heranwachsen: Neben zahlreichen Partys sowie Konzerten und günstigen Karten für Schüler:innen und Studierende gibt es erstmals eine Betreuung für die Sprösslinge kinodurstiger Eltern. Man muss ja an die kommenden 60 Jahre denken. Die Falter:Woche gratuliert mit ausgewählten Film- und Veranstaltungstipps zum Jubiläum. F


Die schönste Entdeckung: „The Banshees of Inisherin“

Martin McDonaghs Film spielt im Abseits. Sowohl im Setting, der kleinen Insel Inisherin vor der irischen Küste, als auch in der Zeit: „The Banshees of Inisherin“ führt in die Epoche des Irischen Bürgerkriegs der 20er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts, von dem die Insel aber unberührt scheint.

Colin Farrell und Brendan Gleeson verkörpern zwei Eigenbrötler, die ihr Leben lang miteinander Bier getrunken haben. Nun aber will Colm (Gleeson) plötzlich seine Zeit nicht mehr mit Pádraic (Farrell) verschwenden. Der gutmütige Pádraic weiß nicht, wie ihm geschieht.

Was mit skurrilem Humor beginnt, wird zu einer bitteren, tieftraurigen Parabel über Männerfreundschaft. Es zeigt sich, dass es kein aktuelles Setting braucht, um doch den Zeitgeist voll ins Schwarze zu treffen.

Gartenbaukino, 27.10., 21.00, 29.10., 13.00


Die schrägste Wiederentdeckung: El Vampiro negro

Fritz Langs „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ (1931) stand Pate bei diesem 20 Jahre später in Buenos Aires gedrehten inoffiziellen Remake: „El Vampiro negro“ erzählt die Geschichte eines Kindermörders, verkörpert von Nathán Pinzón, der sogar in Statur und Naturell an Peter Lorre im Original erinnert. Genial schon der Anfang: ein Close-up, von Rauchschwaden umflort, dazwischen Bilder eines Rorschachtests (der Getriebene erkennt stets nur junge Frauen). Die schrägste unter den sieben Wiederentdeckungen aus dem historiografischen Programm „Die Schatten des Südhafens. Argentinischer Film noir“. Restaurierte Fassung.

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Metro Kinokulturhaus, 27.10., 16.00


Die leiwandste Konzertparty: Ozan Ata Canani & Neil Sugarman

Viennale heißt auch: socializen, den Diskurs pflegen und Party machen. Der „Viennale Club“ in der Falkestraße 5 steht dafür täglich ab 18 Uhr bei freiem Eintritt offen. Zur Eröffnung gibt es am 20.10. vielschichtigen Live-Elektropop von Farce, tags darauf legt Lars „Hans Dampf in allen Gassen“ Eidinger auf, der 22.10. punktet durch ein All-female-Line-up, und das Beirut Groove Collective bietet am 28.10. unter anderem Sixties-Sounds aus dem Nahen Osten. Ein Highlight setzt den Schlusspunkt: Ozan Ata Canani, türkischstämmiger deutscher Saz-Spieler und Protagonist des „Gastarbeiter“-Films „Liebe, D-Mark und Tod“, spielt am 1.11. live, der New Yorker Retro-Soul-Experte Neil Sugarman gibt den DJ.


Das filigranste Material: „Herbaria“

Der argentinische Filmer Leando Listori spürt in „Herbaria“ dem Verschwinden und der Vergänglichkeit nach und fördert verblüffende Parallelen von Film und Botanik zutage. So gehen in Buenos Aires die Gartenschule und das Filmmuseum auf Mitglieder derselben Familie zurück. In der Archivierung erweist sich das analoge Filmmaterial als beinahe so filigran wie botanische Präparate – und wie viele Pflanzen ist auch das Celluloid inzwischen fast ausgestorben.

Filmmuseum, 22.10., 20.30; Stadtkino im Künstlerhaus, 23.10., 12.30


Der erste Film am 20.10.: „Vera“, das Eröffnungsprogramm

Die erfolglose Schauspielerin Vera (Vera Gemma), Tochter des Italowestern-Schönlings Giuliano Gemma, streift durch die VIP-Partys Roms; mal bandelt die Mittfünfzigerin mit dem Taxler an, dann offenbart sie der Barkeeperin ihren Blick auf die Schönheit. Die Einsamkeit ist groß, wie der Schatten des bekannten Vaters. Bei einem Unfall lernt sie den Bub Manuel und dessen alleinerziehenden Vater kennen. Die Freundschaft zur Kleinfamilie lindert Veras Alleinsein, doch sie verstellt ihr den Blick dafür, dass nicht jeder Gutes will. Zwischen Fiktion und Wirklichkeit angesiedelt, auf körnigem 16-mm-Material gedreht, liefern Tizza Covi und Rainer Frimmel mit „Vera“ ein sensibles Porträt voll Empathie.

Gartenbaukino, 19.00, Stadtkino, 20.30, Metro und Urania, 21.00


Die lustigste Frau: Elaine May, Queen of Comedy

Mit „A New Leaf“ blätterte Elaine May 1971 tatsächlich ein neues Kapitel auf: Sie war jetzt nicht mehr bloß Schauspielerin und Autorin, sondern auch Regisseurin, und zwar in Hollywood. Star ihrer hinterfotzigen Screwball-Comedy ist Walter Matthau als Nichtsnutz Harry, der das Luxuslotterleben bis zur Pleite ausgekostet und nun genau drei Optionen hat: Armut, Selbstmord oder Heirat. Da betritt Henrietta die Szene, eine so reiche wie naive Botanikerin, die er auf schnellstem Wege zu beerben gedenkt. Elaine May, die selbst dieses „Opfer“ spielt, erhielt heuer den Oscar für ihr Lebenswerk; die Viennale zeigt alle vier Regiearbeiten der Queen of Comedy.


Der kürzeste Film: Viennale-Trailer „Le Soldat“

Die berühmte Spiegelszene aus Jean-Luc Godards frühem Antikriegsfilm „Le petit soldat“ (1960), gespiegelt fast vier Jahrzehnte später in Claire Denis’ „Beau travail“ (1999): Beide Male spielte Michel Subor einen Soldaten namens Forestier. Auf eine Minute verdichtet, wechseln im Viennale-Trailer Großaufnahmen seines Gesichts, einmal jung, einmal alt. Sieht das Kino, wie oft behauptet, dem Tod bei der Arbeit zu? Oder lässt es uns, im Gegenteil, die Toten für 24 Bruchteile einer Sekunde wieder lebendig erscheinen? Eine hypnotische Miniatur von Claire Denis in Erinnerung an Subor und Godard, zwei Titanen des französischen Films, die heuer diese Welt verlassen haben.


Der berühmteste Gast: Werner Herzog

Der gebürtige Münchner wurde im September 80, seither zieht er von Festival zu Festival, wird mit Ausstellungen und Retros geehrt und hat kürzlich ein Buch mit Lebenserinnerungen vorgelegt. Bei der Viennale, als deren künstlerischer Leiter er sich 1991 versuchte, ist Werner Herzog gleich mit zwei neuen Filmen persönlich zu Gast – „Theater of Thought“ und „The Fire Within: A Requiem for Katia and Maurice Krafft“ – sowie mit einer Lesung im Volkstheater. Thomas von Steinaeckers Porträt „Werner Herzog – Radical Dreamer“ stellt den umtriebigen Filmemacher, der kaum ein Abenteuer auslässt, und sein Schaffen vor. Mittlerweile ist der Regisseur mit seinem markanten Akzent in seiner Wahlheimat USA auch ein gefragter Schauspieler; so wirkte er in der Serie „The Mandalorian“ mit und wurde als Figur in „Die Simpsons“ aufgenommen – Krönung jeder Karriere!


Das aktuellste Special: Österreich real

Auftakt zu einer mehrteiligen Schau, die das Erscheinen des Buchs „Österreich real“ über 40 Jahre heimisches Dokumentar-Filmschaffen begleitet: fünf Programme mit zwölf Filmen, die diverse Konfigurationen der Krise in den Blick nehmen und dabei erstaunliche Aktualität beweisen. So etwa „Eine Million Kredit ist normal, sagt mein Großvater“ (2006), in dem Gabriele Mathes mit Home-Movies vom Niedergang der familieneigenen Möbelfabrik erzählt.


Die hübscheste Schmähung: „Un beau matin“, der Abschlussfilm

Als Alt-68erin, die sich noch heute gern auf Extinction-Rebellion-Demos verhaften lässt, sieht man die Dinge pragmatisch. Françoise, die Mutter aus „Un beau matin“, ist jedenfalls um kein nüchternes Wort verlegen. Ihrem Exmann Georg, der als Philosoph und Übersetzer auf eine lange Publikationsliste zurückblicken kann, bescheinigt sie, ein „verhinderter Faulenzer“ gewesen zu sein: Er war fleißig, aber eben nur aus Pflichtbewusstsein. „Un paresseux contrarié“ klingt im Original noch eine Spur distinguierter; erst recht aus Nicole Garcias sturmerprobtem Mund. Und die Einsicht, dass das Leben klüger ist als die eigene Natur, ist eine ebenso demütige wie elegante Weisheit von allgemeiner Gültigkeit.

Gartenbaukino, 31.10., 19.00 und 1.11., 21.15


Die Viennale 2022 findet von 20.10. bis 1.11. statt: 13 Tage, fünf Kinos, 220 Filme – alle Termine auf www.falter.at/viennale und viennale.at

Ein Gespräch mit Viennale-Chefin Eva Sangiorgi finden Sie im Feuilleton ab Seite 28

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