Neue Musik für komplexe Zeiten

Zuletzt wurde die Konzertreihe Wien Modern zweimal vom pandemiebedingten Lockdown getroffen. 2022 ist auch kein rosiges Jahr: Krieg, Klimawandel, Energiekrise und Inflation verlangen nach komplexen Lösungen. Wer Eskapismus sucht, ist bei der Neuen Musik fehl am Platz. Dafür bietet die 35. Festivalausgabe 100 Versuche über den guten Umgang mit Komplexität und präsentiert zeitgenössische Formen und Klänge in all ihrer Vielfalt

Miriam Damev
FALTER:WOCHE, FALTER 43/22 vom 25.10.2022

Das sirene Operntheater bringt das zehnsätzige Werk „Kabbala“ auf die Bühne (Foto: sirene)

Wege zum Licht

René Clemencic (1928–2022) war Komponist, Dirigent, Flötist, Cembalist und Organist, Gründer und Leiter des Clemencic Consort, Musikwissenschaftler und Schriftsteller, gelernter Philosoph sowie Sammler von Büchern und Skulpturen. In seinen Werken spielen Klangsymbolik, Mystik und Rituale eine wichtige Rolle.


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Das Oratorium „Kabbala“ komponierte Clemencic 1992 für das zweite Mittelfest in Cividale del Friuli. Nun bringt das sirene Operntheater das zehnsätzige Werk auf die Bühne des Planetariums. Die Gesangssolisten – zwei Countertenöre, zwei Tenöre und ein Bassbariton – singen auf Hebräisch und werden von Trompete, zwei Schlagzeugern und drei Posaunen begleitet. Zur Musik, einer Mischung aus Madrigal und Meditation, läuft ein Film über das Weltall, außerdem finden rund um die Vorstellungen Vorträge von Astronomen, Astropyhsikerinnen und Wissenschaftlern statt.

Planetarium, ab 31.10.


Wassermassen als Endlosspirale

Die Iguazú-Wasserfälle zwischen Brasilien und Argentinien sind die größten der Welt; Iguazú bedeutet auf Guaraní „Großes Wasser“. Auf 2700 Metern Breite stürzen 275 Wasserfälle in die Tiefe. Als Georg Friedrich Haas das gigantische Naturschauspiel besuchte, beeindruckte ihn vor allem eine Wanderung oberhalb der Fälle, die dort nur zu hören, aber nicht zu sehen sind. „Stundenlang führte der Weg flach über kleine Brücken und Inseln, das Wasser darunter zog in sichtbarer Beschleunigung vorbei, entschwand dem Blick, und wir wussten, dass es in wenigen Minuten in freiem Fall hunderte Meter tief abstürzen würde“, so Haas. Das Rauschen hat ihn zu „Iguazú superior“ inspiriert, einer rhythmischen Endlosspirale für zehn Klangwerker. Entdecken lassen sich die Klangeruptionen auf ihrem Weg zur Garganta del Diablo, dem Teufelsschlund, im MAK.

MAK, 29.11., 20.00


Neuwirths Krönung

Eigentlich bedeutet „coronation“ Krönung. Dass Olga Neuwirth ihr neuestes Werk so nannte, hat allerdings weniger mit gekrönten Häuptern als vielmehr mit dem Coronavirus zu tun: Die Komponistin verarbeitet in „coronAtion I–VI“ das 249-tägige Konzertverbot während der Pandemie. Exakt zehn Stunden und 19 Minuten dauert die Gesamtaufführung der sechs Teile mit den Titeln „Ach, ich bin verwundet“, „Schiffbrüchige der Welt, die noch ein Herz haben – fünf Inseln der Müdigkeit“, „Einen sterbenden Funken weitertragend“, „Wer immer mich hierher brachte“, „Klänge der Hoffnung weitertragend“ sowie „Nein“. Die Teile I, III, IV und V werden in der ehemaligen Postsparkasse aufgeführt. Auf der anderen Seite des Stubenrings erklingen in der Säulenhalle des MAK „coronAtion II“ und „coronAtion VI“ im Stundentakt. Ein klarer Fall für Binge Listening.

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Interdisciplinary Lab und MAK, 13.11., 13.00


Minimal mit Passepartout

Nein, beim „Chromaplane“ handelt es sich keineswegs um einen exklusiven Privatjet, sondern um ein Instrument. Entwickelt vom Duo Passepartout, wird es analog, mit zwei elektromagnetischen Tonabnehmerspulen gespielt. Damit zeichnen Nicoletta Favari und Christopher Salvito Formen über die flache Oberfläche des Instruments, um aus den verborgenen elektromagnetischen Feldern Klänge zu erzeugen.

Musikalisch bewegt sich das Duo, das seit der Gründung 2015 fast ununterbrochen auf Tour ist, im Bereich der Minimal Music. Ihre Instrumente bauen sie selbst, von analogen elektronischen Schaltkreisen und konventionellem Schlagzeug bis hin zu raumfüllenden Textilinstallationen und gefundenen Objekten. In Wien gastieren Passepartout mit einer Performance aus ihrem neuen Album „Circo Pobre“ am mdw Campus.

Future Art Lab,16.11., 22.00


Fraufeld sehen und hören

Fraufeld heißt eine Wiener Plattform, die das Musikschaffen von Frauen im Bereich der progressiven Komposition und Improvisation sichtbar und hörbar macht. Das 2021 erschienene dritte Fraufeld-Album umfasst 18 Künstlerinnen und reicht von Jazz über Elektronik bis hin zu freiem Spiel.

So hat das Duo Under the Given Circumstances ein Stück geschrieben, bei dem JUUN aka Judith Unterpertinger Pianoguts und Lale Rodgarkia-Dara Elektronik spielt. Tiziana Bertoncini und Caroline Mayrhofer unternehmen mit Violine und Blockflöte minimalistische „Farbenstudien“; Rojin Sharafi, Klangkünstlerin, Komponistin und Tonmeisterin, hat in Kooperation mit der Komponistin und Multi-Instrumentalistin Golnar Shahyar das Stück „Jeeve“ entwickelt, das sich zwischen Club und experimentellem Pop bewegt.

Konzerthaus, 9.11., 19.00


Kantate für Pasolini

Heuer am 5. März wäre Pier Paolo Pasolini 100 Jahre alt geworden. Mit Filmen wie „Accattone“, „Teorema“ oder der De-Sade-Verfilmung „Die 120 Tage von Sodom“ erschütterte Pasolini die Welt des Kinos, bevor er 1975 unter mysteriösen Umständen ermordet wurde.

Stefano Gervasoni widmet dem streitbaren Dichter, Regisseur und Gesellschaftskritiker eine Hommage: „In nomine PPP“ ist eine Kantate für acht Stimmen und 16 Musiker mit einem Video von Paolo Pachini. Gervasoni vertont Poesie und Schriften Pasolinis, ergänzt um melancholische Zwischenspiele des Renaissance-Komponisten Josquin Desprez, die von Klage, Trauer und Verlust handeln. Während die Musik spielt, entfalten sich Pachinis poetische Bilder von Menschen und der Natur. Das Ergebnis ist eine faszinierende Symbiose aus Klang und visueller Ebene.

Konzerthaus, 23.11., 19.30


Anarchische Botanik

„Menschen, die improvisieren, leben besser“, sagt Jakob Gnigler. Gingler ist Saxofonist und bildet mit dem Gitarrist Robert Pockfuß und dem Schlagzeuger Alexander Yannilos das Trio P:Y:G. Ihre Musik bezeichnen die drei als Improvisation zwischen Ordnung und Streuung, sie sei „experimentell und fundamental“.

Das zweite Album heißt „blueht“ (erschienen auf Freifeld Tonträger) und ist eine abenteuerliche Mischung aus Elektro, Jazzcore und Noise. Eingespielt wurde es im Rahmen einer Live-Improvisation beim Klagenfurter New Adits Festival. Da „steubt“, „keimt“, „spriezt“ und „welkt“ es um die Wette – allerdings ganz ohne Naturromantik. Spröde Soundfetzen treffen auf lang gezogene Kantilenen, dichte rhythmische Strukturen entladen sich in diffusem Dröhnen; es ächzt und stöhnt, quietscht und zischt. So klingt zelebrierte Anarchie.

Spitzer,15.11., 20.00


Crumbs kosmische Klänge

George Crumbs „Makrokosmos I–IV“ entstand zwischen 1972 und 1979 und zählt zu den Meilensteinen der elektronisch erweiterten Klaviermusik. Der Name ist eine Referenz an den Klavierzyklus „Mikrokosmos“ von Béla Bartók, einem von Crumbs Lieblingskomponisten.

In den Teilen I und II stehen die zwei Mal zwölf Stücke für Soloklavier für die zwölf Tierkreiszeichen, von den grollenden Urklängen der Genesis über die pfeifenden Stimmen der Corona Borealis bis zum gehauchten Agnus Dei. Teil III für zwei verstärkte Klaviere und Schlagzeug heißt „Celestial Mechanics“ und ist eine Hommage an Rilke, Pascal und Quasimodo; Teil IV besteht aus einer Suite kosmischer vierhändiger Tänze, die nach Sternen benannt sind. Bei Wien Modern wird das Meisterwerk mit Installationen und Performances von sieben Künstlern in Bewegung versetzt.

Jugendstiltheater am Steinhof, ab 24.11.


Wien Modern 2022: „Wenn alles so einfach wäre. 100 Versuche über den guten Umgang mit Komplexität“, 29.10. bis 30.11.
Information und Karten: www.wienmodern.at

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