Es geht nicht nur um's Geld

Werden die letzten Dorfstrukturen am Südrand Wiens durch Stadterweiterung und Spekulation zerstört? Eine Antwort des Wiener Planungsdirektors auf die Befürchtungen von FALTER-Architekturkritiker Maik Novotny.

Thomas Madreiter
FALTER.MORGEN, 08.11.2022

Stadtplanungsdirektor Thomas Madreiter @ MA18/Gerd Götzenbrucker

In Falter 44/22 macht sich Maik Novotny auf Exkursion in den Süden Wiens und fragt sich, warum die Stadtplanung glaubt, neue Siedlungsgebiete entwickeln zu müssen. Seine Perspektive auf die Stadtplanung als vorrangig dem Kapital verpflichtetes Unterfangen entspricht nicht der Realität.

Wien gehört zu jenen erfolgreichen Städten in Europa die Chancen bieten, Lebensträume zu verwirklichen. So ist Wien in den letzten 30 Jahren um über 400.000 Menschen gewachsen und auf dem Weg zur Zwei-Millionen-Stadt – und gerade das bietet neue Chancen. Die Stadt wird jünger und vielfältiger. Es entstehen innovative Geschäftsideen und neue Unternehmen. Straßen, Plätze und Grätzel werden zu öffentlichen Räumen mit hohen Aufenthaltsqualitäten umgebaut, die Kunst- und Kulturszene wird noch vielfältiger und spannender. Und das alles, ohne die 50 Prozent Grünraum in der Stadt zu gefährden.

Dieser Text ist ein Teil des FALTER.morgen (Ausgabe vom 08.11.2022), dem neuen Früh-Newsletter aus der FALTER-Redaktion. Melden Sie sich hier an:

Um diese dynamische Entwicklung mit sozialer und ökologischer Verantwortung zu verbinden, hat Wien eine klare Stadtentwicklungsstrategie: Nutzung der Potentiale in der Bestandsstadt, die Umgestaltung von innerstädtischen Brachflächen, wobei hier insbesondere die freigewordenen Areale bei den Bahnhöfen zu nennen sind – wie etwa der Nordwestbahnhof oder das Sonnwendviertel. Und als drittes das Erschließen neuer Potentiale für die Stadterweiterung. Entwickelt wird entlang der U-Bahn, kompakte bauliche Strukturen sind ein wesentlicher Beitrag zu Klimaschutz. Das im Zuge der Erstellung der österreichischen Bodenstrategie aufzubauende Monitoring liegt zwar noch nicht vor, aber die zuvor publizierten Zahlen des UBA geben dennoch Aufschluss über den Erfolg: Demzufolge stehen in Wien 58m² versiegelter Fläche pro Einwohner bis zu fast 500m²/EW außerhalb Wiens gegenüber.

Parallel zum Wohnraum sind auch die Grün- und Erholungsflächen gewachsen. Das hat insbesondere mit der Schaffung von Grünflächen auf ehemaligen Bahnhöfen und Industriebrachen zu tun. Die Stadt kann durch ein dichtes öffentliches Verkehrsnetz, eine Fuß- und Radfahrer freundliche Stadtplanung und kompakte Siedlungsentwicklung den Verbrauch der Verkehrsflächen besonders effizient gestalten. Es ist kein Zufall, dass der Anteil an Öffiverkehr im europäischen Spitzenfeld liegt. Bereits 48% der Wiener Haushalte besitzen überhaupt kein Auto mehr, weil sie mit den bestehenden Alternativen ihren Mobilitätsbedarf befriedigen können.

Die im Artikel geforderte Gesamtperspektive für den Südraum Favoritens hat die Stadtplanung in den letzten Jahren entwickelt. Unter intensiver Beteiligung der Öffentlichkeit wurde ein Stadtteilentwicklungskonzept erarbeitet, welches die planerische Perspektive für die nächsten 15 bis 20 Jahre darstellt. Ergebnis sind insbesondere vier Schwerpunkte: Der Erhalt der Großgrünräume entlang der Ostbahn und südlicher Stadtgrenze, die sorgsame Entwicklung der bestehenden Einfamilienhausgebiete, die Konzentration von Stadtentwicklung entlang der U-Bahn und der Erhalt der historischen Ortskerne. Für alle diese Ziele werden aktuell die verbindlichen Verordnungen und Pläne entwickelt. Zum Schutz des historischen Ortsbildes werden die Schutzzonen erweitert und die Bebauungsbestimmungen angepasst. Das Leitbild Grünräume sichert die angesprochenen Grünräume für die Landwirtschaft. Und auf dem Gelände des ehemaligen Kurmittelhauses vor dem Südeingang des Kurparkes, das heute ein wenig attraktiver, zubetonierter Parkplatz ist, soll ein Stadtteil mit über 2/3 gefördertem Wohnbau entstehen – ein weiterer Baustein für eine soziale Wohnungspolitik der wachsenden Stadt. Übrigens ist dann dort der Versiegelungsgrad nach der Wohnbebauung geringer als aktuell!

Ja eh, aber man solle doch zuerst den bereits gebauten Leerstand nutzen, lautet der oft formulierte Einwand auf diese Argumente. Die in diesem Zusammenhang häufig zitierte Studie der Arbeiterkammer (Wohnbauboom in Wien 2018-2021) bestätigt allerdings weder die Analyse noch die Schlussfolgerungen dieser Argumentation. Unsere liberale Wirtschaftsordnung verunmöglicht es zwar völlig auszuschließen, dass Wohnungen in gewissen Fällen auch zu Spekulationsobjekten werden. Aber es zeigt sich, dass Leerstand in Mietwohnungen gegenüber Eigentumswohnungen geringer ausfällt und auch die Wohnungen von gemeinnützigen Bauträgern eine niedrigere Leerstandsquote aufweisen. Gerade in Wien mit einem traditionell hohen Anteil an gefördertem Wohnbau wird im Rahmen der Möglichkeiten viel getan, dem zu begegnen. Die Errichtung neuer, zum Großteil geförderter Wohnungen gehört dazu. Um dies auch dauerhaft sicher stellen zu können, hat der Wiener Landtag die Widmungskategorie geförderter Wohnbau beschlossen. Europaweit beneidet man Wien um den leistbaren Wohnbau. Dieser entsteht in Wien mit bester öffentlicher Anbindung, wie etwa in Favoriten entlang der U1, mit ökologischen Energieformen und dem Prinzip der Stadt der kurzen Wege.

ANZEIGE

Zur Person: Thomas Madreiter ist seit 2013 Planungsdirektor der Stadt Wien.

Fanden Sie diesen Artikel interessant? Dann abonnieren Sie jetzt und bleiben Sie mit unserem Newsletter immer informiert.


12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!