Was geht?

Das Kabarett leidet seit Corona an Publikumsschwund. Dabei sind die Programme derzeit so vielfältig wie noch nie: Altstars treffen auf Debütanten, Juristinnen auf Mütter, Zärtliches steht neben Punk. Die Highlights dieses Kabarett-Herbstes

Lina Paulitsch, Martin Pesl, Sara Schausberger, Wolfgang Kralicek
FALTER:WOCHE, FALTER 45/22 vom 08.11.2022

Maria Muhar mit ihrem Kabarett-Debüt „Storno“ (Foto: Daniel Sostaric)

Die komische Sprachkünstlerin

Immer ist was zu tun! Neben Deadlines, Timelines und Tiervideos bleibt gerade noch genügend Zeit, dem AMS-Betreuer falsche Hoffnungen zu machen. Maria Muhar fragt sich in ihrem Kabarett-Debüt „Storno“: Wie geht Elternschaft in der Apokalypse? Hängen beim Urologen Kinderzeichnungen an der Wand? Und was ist eigentlich der Mittelpunkt ihres Lebens? Muhar ist ausgebildete Köchin und studierte Sprachkünstlerin. Im Sommer erschien ihr Debütroman „Lento Violento“, kurz davor ihr poetisch-pointiertes Bühnen-Solo: Beide beleuchten die Lebenswelten junger Menschen. Äußerst bemerkenswert.


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Kabarett Niedermair, 12.11., 3.12.


Der Altmeister

Dass Lukas Resetarits nicht mehr der Jüngste ist, merkt man vor allem daran, dass er in letzter Zeit besonders viel von früher erzählt. Zu seinem 75er hat der Wiener Kabarettist ein Buch über seine Kindheit und Jugend veröffentlicht („Krowod“), und auch sein aktuelles Soloprogramm „Über Leben“ ist über weite Strecken retrospektiv angelegt. Das Vorgängerprogramm habe er wegen der ständigen Regierungsumbildungen dauernd umschreiben müssen, erklärt er, woraus er die Konsequenzen gezogen habe: „I red’ jetzt nur noch über mi und die Vergangenheit – da kenn’ i mi aus!“

Das ist schön gesagt, stimmt so aber nicht. Seit er sich vor mehr als 20 Jahren vom klassischen Nummernkabarett
verabschiedet hat, erzählt Resetarits auf der Bühne gern Schwänke aus seinem Leben, das ist also nicht wirklich was Neues. Egal, der Seniorchef des Wiener Kabaretts präsentiert sich jedenfalls in blendender Form. Anschaulich erinnert er sich in seinem 29. Programm an untergegangene Imperien wie das Favoritner Modehaus Tlapa, den Teletext oder das Vierteltelefon. Und an einen alten Spruch, der in Zeiten von Social Media leider nicht mehr funktioniert. Er lautet: „Sei deppat daham!“

Orpheum, 15.11. Stadtsaal 21., 22.11.


Das punkigste Duo

Flüsterzweieck sind der perfekte Kabarett-Einstieg für alle Menschen mit Kabarett-Skepsis. Statt flacher Witze liefert das Duo ausschweifend absurdes Theater. Deshalb hat es wahrscheinlich auch so lange gedauert, bis die Szene sie anerkannt hat. Erst nach ihrem vierten Programm erhielten Ulrike Haidacher und Antonia Stabinger den Nachwuchspreis, dafür ist nun schon ihr fünftes „Kult“ – zumindest laut Titel –, vor allem aber Punk. Roten Faden gibt es keinen, und Groteskes verschmilzt mit Alltagsbeobachtungen. Zu lachen gibt es aber auf alle Fälle genug.

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Kabarett Niedermair, 26.11., 22.12.


Der geilste Jüngling

„Christoph Fritz ist so geil …“, beginnt das zweite Programm des Kabarettisten, der berühmt wurde, weil er das „jüngste Gesicht“ hat. Es folgen völlig übertriebene Beweise für die Eingangsbehauptung. Wie sich jedoch bald herausstellt, ist die eigene Überhöhung lediglich eine therapeutisch-kabarettistische Maßnahme für einen, der durch das Gegenteil von exzessivem Selbstbewusstsein auffällt. Der 28-jährige Niederösterreicher punktet mit der Art und Weise, wie er eigene Schwächen nach außen kehrt, vor allem Schüchternheit und ein Mangel an Emotionen. In einer Szene, die immer noch auf Gott und die Welt schimpfende ältere Männer prägen, bildet Fritz damit eine wohltuende Ausnahme.

In seinem neuen Programm „Zärtlichkeit“ geht es um Zwischenmenschliches: Dates, Sex, Beziehungen und so weiter. Über Peinlichkeiten wie das Unvermögen, neben jemandem anderen zu pinkeln, arbeitet sich Fritz in poetische, psychologische und philosophische Höhen – stets im richtigen Tempo. Eine unbedingte Empfehlung.

Kabarett Niedermair, 17., 18.11.; Stadtsaal, 2.12.; Theater am Alsergrund, 14., 15.12.


Die serbische Geschichtslehrerin

Ursprünglich wollte sie für andere Gags schreiben. Aber dann stellte sich Marina Lacković als Malarina beim „Politically Correct Comedy Club“ doch selbst auf die Bühne. Höchst erfolgreich: Im Jänner 2022 erhielt Malarina den Österreichischen Kabarettpreis als beste Newcomerin. In ihrem ersten Solo „Serben sterben langsam“ schlüpft die gebürtige Serbin in die Rolle einer nationalistisch eingestellten Serbin in Wien.

Malarina gibt eine Lehrstunde über serbisch-österreichische Geschichte: vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs bis zu Ibiza. Sie thematisiert die Ermordung zehntausender Serben während des Zweiten Weltkriegs im kroatischen Konzentrationslager Jasenovac wie auch den Genozid in Srebrenica. Ganz besonders betrauert Malarina das Verschwinden Heinz-Christian Straches von der politischen Bühne. Lacković beherrscht die Kunst, schwierige Themen zu großartiger Satire zu verarbeiten.

Kabarett Niedermair, 13. und 27.11. Kulisse, 17.12.


Die juristische Influencerin

15 Sekunden beträgt normalerweise die Zeitspanne für eine ihrer Pointen. Mit Clips auf dem Social-Media-Kanal TikTok wurde Toxische Pommes zur erfolgreichen Influencerin. Jetzt beweist die in zivil als Juristin tätige Wienerin, dass ihr Alltagshumor auf der Kabarettbühne auch 60 Minuten lang funktioniert. „Ketchup, Mayo und Ajvar“ hat Toxische Pommes als Lesung angelegt. In sieben Phasen gliedert sie ihr Leben als Tochter zugewanderter „Ex-Jugos“, gespickt mit humoristischen Anekdoten. Vom naiven Kindheitsglauben, dass es Rassismus gar nicht geben könne, über den Ehrgeiz, sich voll und ganz zu assimilieren, bis hin zur Frustration, wenn Letzteres fehl- und in radikalen Stolz auf das Herkunftsland umschlägt.

In ihren Videos beobachtet Toxische Pommes Alltagsszenen und deren Absurditäten. Sie überspitzt Beobachtungen der österreichischen und migrantischen Gesellschaft und legt den oftmals wahren Kern des Klischees frei. Auch mit dem Kabarett-Solo gelingt ihr eine subtile Coming-of-Age-Erzählung, die viel von diesem Land erzählt.

Orpheum, 21.11.; Kabarett Niedermair, 13.12.


Die lustigste Schweizer Mutter

Die „böseste Frau der Schweiz“ gilt auch als „Deutschlands beste Komikerin“; jetzt besucht sie endlich wieder Österreich. Im Programm „Kennen Sie diese Frau?“ macht Hazel Brugger mit ihren drastischen Witzen auch vor sich selbst nicht Halt. Die Kabarettistin und Poetry-Slammerin beschäftigt sich darin etwa mit ihrer Mutterschaft, ihren Youtube-Kanälen, der eigenen Firma und den älter werdenden Eltern. Und mittendrin steht die Frage: „Was will ich eigentlich wirklich – und inwiefern ist das weiblich?“

Globe Wien, 3.12.


Der sensible Loser

Wie ein schlaksiger Schuljunge steht Benedikt Mitmannsgruber im Norwegerpulli und mit hängenden Armen auf der Bühne. Über sich selbst sagt der 26-Jährige, er wäre ein „sensibler Losertyp“. Der ist allerdings höchst charmant anzusehen: Sein zweites Programm, „Der seltsame Fall des Benedikt Mitmannsgruber“, trägt der Kabarettist in lakonischem Mühlviertlerisch vor. Es handelt von der Kindheit in Oberösterreich, dem dort tradierten Männerbild (Haus, Kinder, Auto) und dem Opa, dessen senile Enthemmung sich auf Facebook entlädt.

Wie ein braver Schüler kündigt Mitmannsgruber seine Programmpunkte mit einer Powerpoint-Präsentation an. Dazu gehören auch politische Themen. Etwa die krummen Geschäfte des Konzerns Nestlé oder die Auslagerung von Arbeitskräften in Billiglohnländern. Seufzend schildert er seine Zeit als Lehrer und erläutert die idealen Mobbing-Bedingungen (dick, dumm, arm). Als sympathischer Antiheld regt Mitmannsgruber auch zum Nachdenken an.

Kabarett Niedermair, 12.11., 1.12.; Theater am Alsergrund, 17.12.

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