Die wunderbare Welt der Buch Wien

Mit der Langen Nacht der Bücher startet am Mittwoch die Buch Wien. Die Literatur-Großveranstaltung bietet ein spannendes und abwechslungsreiches Programm, das Veranstaltungsorte in der ganzen Stadt einschließt. Ein Wegweiser

Sebastian Fasthuber
FALTER:WOCHE, FALTER 46/22 vom 15.11.2022

Judith Holofernes hat kürzlich den autobiografischen Roman „Die Träume anderer Leute“ geschrieben (Foto: Marco Sensche)

Von 23. bis 27. November wird das Wiener Messegelände wieder zur Zentrale der heimischen Buchbranche und Literaturszene. In ihrer jetzigen Form existiert Buch Wien, die Nachfolgeveranstaltung der Buchwoche im Rathaus, seit 2008. Nach den hierzulande üblichen Lästereien zu Beginn hat sich die Messe gut entwickelt und längst etabliert. Nach einer Absage 2020 und einer Ausgabe im Pandemiemodus 2021 gibt es nun wieder Normalbetrieb auf sechs Messebühnen in der Halle D sowie an zahlreichen Orten (Literaturhäusern, Buchhandlungen etc.) in ganz Wien.

Der Mix macht’s: Das Team um Günter Kaindlstorfer hat ein Programm zusammengestellt, das Literatur ebenso wie Sachbücher zu kultur- und gesellschaftspolitischen Themen umfasst und es auch nicht an Auftritten von Publikumslieblingen fehlen lässt. Den Startschuss markiert schon traditionell eine Lange Nacht der Bücher. Mit dabei sind da am Mittwoch Lukas Resetarits, Michael Häupl, Judith Holofernes, Manuel Rubey und Chris Lohner; Mieze Medusa und Markus Köhle laden zur Poetry-Slam-Nacht; Marjana Gaponenko, Josef Haslinger und Susanne Scholl diskutieren über den Ukrainekrieg und die Folgen.


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Der Schwerpunkt der Buch Wien liegt auf der heimischen Buchproduktion, freilich ohne den Rest der Welt außen vor zu lassen. Im Gegenteil: Bei den mehr als 400 Veranstaltungen (Lesungen, Gespräche, Diskussionen, Workshops) treten Autorinnen und Autoren aus nicht weniger als 28 Nationen auf.

Der Vorverkauf (online und bei Thalia) läuft bis 22. November, vorab sind die Karten günstiger als an der Abendkasse. Das Tagesticket kostet im VVK 15 und regulär 19 Euro, der Festivalpass 29 bzw. am Messeschalter 37 Euro.

Messe Wien, Halle D, Eröffnung mit der Langen Nacht der Bücher am 23.11. um 19.30


Der Europäer

Beim ersten Buch waren manche noch skeptisch: Ein multiperspektivischer Roman über die EU – ist das nicht, ähm, gähn? Tatsächlich erwies sich schon „Die Hauptstadt“ als spannend konstruiertes Werk mit europafreundlicher Gesinnung. Nun ist das Erzählvorhaben von Robert Menasse sogar zu einer Trilogie angewachsen. Der kürzlich erschienene zweite Teil „Die Erweiterung“ stößt fast überall auf Anerkennung. Klaus Nüchtern lobte, dass „Menasse den EU-Roman überzeugend zwischen Geschichtsstunde und Politthriller etabliert“.

Ob es Absicht oder Zufall ist: Seinen Auftritt bei der Buch Wien hat der Autor am Sonntag ausgerechnet um Schlag zwölf Uhr, wenn im ganzen Land die Schnitzel auf den Tisch kommen. Sich stattdessen vor der ORF-Bühne einzufinden und Menasses Lesung und Gespräch zu lauschen gilt als Plädoyer für Europa.

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Messe, 27.11., 12.00


Die Aussteigerin

Als in den Nullerjahren immer mehr Bands auf Deutsch sangen und der Begriff Deutschpop Hochkonjunktur hatte, zählte die Berliner Band Wir sind Helden zu den erfreulichsten Erscheinungen dieser Welle. Ihre Songs waren nachdenklich, aufmüpfig, herzlich – und manchmal all das im selben Moment.

Den Spagat, massentaugliche Musik mit Anspruch zu machen, Popstar zu sein und sich selbst treu zu bleiben, konnte Sängerin Judith Holofernes jedoch nicht ewig halten. Sie wollte ihr Leben zurück. Also stieg sie freiwillig ein paar Stufen von der Karriereleiter, veröffentlichte lyrische Soloalben und hat kürzlich einen autobiografischen Roman geschrieben. „Die Träume anderer Leute“ erzählt berührend und auch mit Selbstironie davon, wie sie sich aus dem Hamsterrad der Musikindustrie befreit hat. Holofernes tritt bei der Langen Nacht der Bücher auf.

Messe, 23.11., 20.45


Die Bambitöterin

„Who Killed Bambi“, heißt ein Song der Sex Pistols. Auch die Finnlandschwedin Monika Fagerholm, die zu den bedeutendsten skandinavischen Autorinnen der Gegenwart zählt, geht dieser Frage nach. „Wer hat Bambi getötet?“ heißt ihr neuer Roman in der absolut gelungenen Übersetzung ihrer deutschen Kollegin Antje Rávik Strubel.

Angesiedelt ist die Geschichte im Villenviertel Helsinkis. Sie dreht sich um eine Gruppe von Menschen der etwas besseren Gesellschaft, deren Leben seit einer Party vor einigen Jahren nicht mehr dieselben sind. In einem Haus, das nun flüsternd „Bad Karma“ genannt wird, kam es damals zu einer Gruppenvergewaltigung. Man kann das als Auseinandersetzung mit Rape Culture lesen – noch bestechender ist der Text, wenn man sich einfach seinem außergewöhnlichen Sound und Rhythmus hingibt.

Literaturhaus, 24.11., 19.00; Messe, 25.11., 13.30


Chronist des Chaos

Der ukrainische Autor Juri Andruchowytsch ist nicht zum ersten Mal auf der Wiener Buchmesse. 2014 hielt er die Eröffnungsrede, in der er der EU die Leviten las. Von wegen: Er vermisse Verständnis und Unterstützung für die Ukraine. Als Literat ist Andruchowytsch ein Chronist ukrainischer Verhältnisse. Erich Klein charakterisiert sein jüngstes Buch „Radio Nacht“ als „tobendes erzählerisches Chaos voller Verrücktheit und Anarchie samt obligatorischer Portion Machotum“.

Der Roman war bereits fertig, als der Krieg begann. Er spielt zwar in der Ukraine, das Land wird aber nie namentlich genannt. Als Diskussionsgrundlage zur aktuellen Situation taugt das Buch nur bedingt – bei seinen beiden Auftritten wird sich Andruchowytsch aber gewiss auch dazu äußern. Übrigens gastiert auch sein Landsmann Andrej Kurkow bei der Buch Wien.

Messe, 25.11., 14.00; Theatermuseum, 25.11., 19.00


Die Geheimfavoritin

Okay, so ziemlich alle favorisieren Robert Menasse mit dem zweiten Teil seiner EU-Trilogie für den Österreichischen Buchpreis, dessen Verleihung am 21. November über die Bühne gehen wird. Aber sagen wir einmal so: Es wäre auch kein Wunder und schon gar kein Fehler, würde ihm Anna Kim die Auszeichnung wegschnappen.

Ihr Roman „Geschichte eines Kindes“ ist vielleicht das traurigste Buch des Herbstes – und eines der besten. Kim erzählt von Daniel. In den 1950ern in einer US-Kleinstadt geboren, war das Kind von Geburt an ein Behördenfall. Schnell kam der Verdacht auf, es könnte nicht „weiß“ sein, sondern „indianisch“, „polnisch“ oder gar „negrid“. Damit nahm ein rassistisches Trauerspiel seinen Lauf. Die Autorin konnte auf Dokumente zu einem wahren Fall zurückgreifen. Das Buch ist gleichzeitig ein lustvolles Spiel mit Autofiktion und autobiografischem Schreiben.

Messe, 24.11., 17.00 und 25.11., 12.20


Schwermütiger Satiriker

Der Bulgare Georgi Gospodinov wurde einmal „experimenteller Humorist der Verzweiflung“ genannt. Seine Bücher sind von einem dunklen, schwermütigen Witz durchzogen. Spätestens seit seinem jüngsten Roman „Zeitzuflucht“ gilt er als einer der großen europäischen Autoren.

Für eine Dystopie untypisch, geht die Reise in die Vergangenheit: Eine Welle der Retromanie erfasst zunächst einzelne Personen und später ganze Nationen. Die EU-Mitgliedsstaaten stimmen darüber ab, welche Zeit sie als Reenactment noch einmal erleben wollen. Als Sieger gehen die 80er-Jahre hervor – „das Jahrzehnt, das am meisten Langeweile und Disco hervorgebracht hat“. Dem hellsichtigen Roman gelingt es, einen bei der Lektüre unablässig zu erstaunen, zu erheitern und auch zu erschrecken.

Messe, 25.11., 15.00; Literaturhaus, 25.11, 19.00


Der Russlanderklärer

„Eine Geschichte Russlands“ heißt das neue Buch des renommierten Londoner Historikers Orlando Figes. Er seziert darin die russische Seele und zeichnet nach, wie die Menschen sich selbst erlebten und immer wieder neu erfanden. Es geht um Mythen, Ereignisse und Ideologien, die bis heute wirken.

Theatermuseum, 24.11., 19.00; Messe, 25.11., 10.30


Rapper als Romancier

Zuerst hat Gerald Hoffmann als Rapper Gerard aufgezeigt. Inzwischen lebt er in Berlin, arbeitet in der Musikindustrie und hat einen Roman geschrieben. Das Buch mit dem schönen Titel „Ich hasse meine Freunde“ ist das Generationenporträt von drei Mittzwanzigern, die keinen Plan vom Leben haben.

Messe, 24.11., 15.30; Gesellschaft f. Literatur, 24.11., 19.00


Die schreibende Dolmetscherin

Als Übersetzerin und Dolmetscherin ist Mascha Dabić eine wichtige Vermittlerin im Literaturbetrieb und häufig auf Podien aktiv. Auch bei der Buch Wien wird sie bei einigen Lesungen und Gesprächen dafür sorgen, dass man das Gesagte allgemein versteht. Die Wienerin ist aber auch selbst eine tolle Autorin, wie ihr Roman „Reibungsverluste“ zeigte.

Im Rahmenprogramm der Messe hat sie im Schauspielhaus einen eigenen Auftritt. Gemeinsam mit Anna Baar, Marko Dinić, Ana Marwan und Jelena Popržan gestaltet sie einen Abend unter dem Motto „Es soll anders sein!“. Er dient bereits als Einstimmung auf den Österreich-Schwerpunkt der Leipziger Buchmesse 2023. ORF-Literaturexpertin Katja Gasser, die diesen inhaltlich verantwortet, moderiert.

Schauspielhaus, 26.11., 19.00

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