KinoHerbst

Von romantischen Kannibalen, feministischen Aktivistinnen, queerer Eishockey-Jugend in der heimischen Provinz, dem Weinstein-Skandal und einem Treffen von Harry Potter und Mozart: acht Einladungen zum Kinobesuch

Klaus Nüchtern, Lukas Matzinger, Martin Nguyen, Michael Omasta, Michael Pekler, Sabina Zeithammer
FALTER:WOCHE, FALTER 47/22 vom 22.11.2022

Kannibale in Love: Timothée Chalamet, der Leonardo DiCaprio der Generation Z (Foto: MGM/Warner Bros)

Kannibalen sind das Letzte. Es mangelt ihnen am eleganten Sexappeal des Vampirs oder dem revolutionären Moment einer Zombiearmee. Doch dann kommt dieser Italiener Luca Guadagnino und macht aus zwei Menschenfressern eine der schönsten Filmromanzen des Jahres. Kannibalen und Liebe.

Die erste Viertelstunde dürfte bald ikonisch sein. Die zugezogene High-School-Schülerin Maren wird endlich wohin eingeladen (Pyjamaparty), doch ihr grimmiger Vater sperrt sie daheim (Containersiedlung) ein. Maren büxt aus, bei ihren neuen Freundinnen läuft Duran Duran, sie lackieren sich die Fingernägel kupferfarben. Es ist 1986.


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Die gschamige Maren wirkt angekommen, sie ist das einzige schwarze Mädchen im Raum. Unter dem Wohnzimmertisch legt sie den Kopf ans Gesicht ihrer Freundin, nimmt ihren frisch lackierten Finger in den Mund. Und beißt ihn knackend ab. „You didn’t!“, sagt ihr Vater nur, als er Maren blutverschmiert sieht. Er hatte seine Gründe, sie wegzusperren.

Regisseur Luca Guadagnino tanzt in „Bones and All“ mit der Erwartung und Empathie, also dem Inneren des Zuschauers. Nach seinem Liebesfilm „Call Me By Your Name“ und dem Hexenmovie-Remake „Suspiria“ hat er die beiden Genres nun vereint. Und aus einem Kannibalen-Jugendroman von 2016 eine Horror-Roadmovie-Liebesgeschichte für Erwachsene gemacht.

„Bones and All“ hält so vieles, was er gar nie versprochen hat. Denn was schauderhaft beginnt, nur von Straßenlaternen beleuchtet und von Stressmusik begleitet, wird sich wie eine Fabel erhellen. Die Himmel werden blau, und in der Welt des Fressens und Gefressenwerdens erkennt Maren, dass es noch andere wie sie gibt – überraschende bis überragende Nebenfiguren, die auch Menschenfleisch zum Leben brauchen.

Es könnte laut werden, sofern junge Menschen im Kino sind: Der 26-jährige New Yorker Timothée Chalamet wird mit seiner angesagten Kombination aus Kränklichkeit und Kieferknochen gerade zum Leonardo DiCaprio der Generation Z.

Er begleitet Maren auf der Suche nach ihrer Mutter. Mit Haaren in schmutzigem Rosa und einer Jeans, mehr Loch als Hose. Der Grungekannibale diniert mit ihr, sie gefallen einander, er öffnet sich. Wie leise der weinen kann. Und doch werden hinterher alle über sie reden.

Die Kanadierin Taylor Russell spielt Maren so mühelos und unverdorben, Guadagnino hatte ihr die Hauptrolle einfach ohne Casting gegeben. Breitbeinig und in Blumenkleidern sitzt sie der Welt gleichzeitig tough und naiv gegenüber. Die emotionale Lehre des Films ist ihr Verdienst: So zärtlich können Menschenfresser, so verletzlich Mörder sein. Die „Eater“ in „Bones and All“ essen nicht lustvoll, sondern aus Bestienpflicht, immer mit Scham- und Schuldgefühl. So fahren in diesem blauen Chevrolet-Pick-up keine liebenden Täter, sondern Opfer ihrer Triebe. Sie sind ebenso unschuldig wie wild, zwei Wolfswelpen in der Wildnis. Die symmetrischen Biografien heften aneinander, aus Außenseitern werden Gemeinsame. In US-Roadmovies hat die weite Straße schon oft geheilt. Den beiden passiert es über der nevadischen Einöde.

Die Szenerie ist in diesem Film überhaupt ein dritter Hauptdarsteller. Schachbrettgemusterte Diners, ein blinkender Jahrmarkt, die Sepia-Steppen und Seen von Ohio, Kentucky, Nebraska. Zum Glück fahren sie immer zur goldenen Stunde. Die Gesichter so nah, die Landschaft so weit, der junge belarussische Kameramann Arseni Khachaturan hat ganze Arbeit geleistet. Guadagnino hatte zwei ästhetische Vorbilder: die bunte Nüchternheit des Fotografen William Eggleston, darauf harmonische Blutspritzer von Hermann Nitsch; dann noch die 80er-Jahre-Hadern von Joy Division bis Kiss, und man versinkt in Atmosphäre.

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Die Marktforschung dürfte kapitulieren: Für das Horrorpublikum wird „Bones and All“ zu liebevoll, für Kunstfreunde zu gewaltvoll sein. Vielleicht geht er als „Twilight“ für Erwachsene durch, oder als „Bonnie and Clyde“ für Spätgeborene. Wer möchte, kann die Fleischeslust nach Vorliebe als Metapher für Drogengebrauch, Konsumzwang oder mentale Krankheit deuten. Dabei geht es um viel mehr: damit leben zu lernen, wer man ist.

Lukas Matzinger

„Bones and All“
Ab 25.11. in den Kinos (OF im Artis und Burg, OmU im Votiv)


Be a Mensch! „Zeiten des Umbruchs“

New York um 1980, der Beginn der Reagan-Ära. Der verträumte Schüler Paul Graff will Künstler werden. Sein Opa Aaron (Anthony Hopkins) ermutigt ihn, der Rest der jüdischen Großfamilie steht der Idee skeptisch gegenüber. Ebenso wie Pauls Freundschaft zum schwarzen Buben Johnny, der sich wütend gegen seine permanente Ausgrenzung wehrt.

James Grays autobiografisch gefärbtes Drama „Zeiten des Umbruchs“ zeigt eine gespaltene, verkapselte Gesellschaft. Die Coming-of-Age-Geschichte eines Buben zwischen Freiheitsdrang und Konformitätsdruck beleuchtet das Ambivalente: „Be a Mensch“, mahnt der Opa, doch wie schwer es ist, in einer von Kapitalismus und Rechtsruck, Rassismus und Abstiegsangst geprägten Welt für das Richtige einzustehen, muss Paul schmerzhaft erfahren. Der Blick auf das Gestern erzählt hier viel über das Heute. Zu kritisieren ist einzig der Umgang mit der Figur Johnny: Seine „Biografie“ wird bloß angedeutet, was ihn zur wichtigsten Variable in Pauls „Menschwerdung“ reduziert.

Sabina Zeithammer

Ab 24.11. in den Kinos (OF im Artis, OmU im Votiv)


Fantasyfilm à la Mozart: „The Magic Flute“

Salzburgs berühmtestes Internat ist nicht Hogwarts, sondern die Mozart International School. Der Teenager Tim reist von London dorthin, um das Vermächtnis seines Vaters, eines bekannten Tenors, zu erfüllen: Er soll ein uraltes, prächtiges Regiebuch der „Zauberflöte“ an seinen Platz in der Bibliothek retournieren und klassischen Gesang studieren. Dabei stolpert er unversehens in die von fantastischen Wesen und Figuren bevölkerte Zauberwelt der berühmten Oper.

Florian Sigls „The Magic Flute“ überträgt Mozarts Singspiel ins Zeitalter von Harry Potter. Die mächtige Burg Hohenwerfen ist Hauptschauplatz dieser Kreuzung aus Internatsdrama und Opernfilm. Auf beiden Erzählebenen hat der junge Held (Jack Wolfe) etliche Prüfungen zu bestehen: Als Schüler Tim muss er gegen Mobbing und die Autorität des Institutsleiters auftreten, als Prinz Tamino Prinzessin Pamina aus der Gewalt des finsteren Sarastro befreien.

Michael Omasta

Bereits in den Kinos


Ungewollt schwanger? „Call Jane“

Als Joy (Elizabeth Banks) zum ersten Mal anruft, legt sie sofort wieder auf. Joy ist schwanger und verzweifelt. Es ist wahrscheinlich, dass sie die Schwangerschaft nicht überlebt, doch eine ausschließlich von Männern besetzte Kommission hat ihr die Abtreibung untersagt. Beim zweiten Anruf legt sie nicht mehr auf. „Wir helfen Frauen. Wir stellen keine Fragen“, meint die Stimme am Telefon.

„Jane“ nennt sich die Frauenorganisation, die 1968 in Chicago Schwangeren die Möglichkeit zu einer verbotenen Abtreibung bietet. Regisseurin Phyllis Nagy erzählt die Geschichte der Vorstadthausfrau Joy, die sich in der Organisation – geleitet von der toughen Virginia (Sigourney Weaver) – bald selbst aktiv engagiert, als Kampf gegen innere Zweifel und äußere Widerstände. Die gegenwärtige Debatte über Abtreibungsverbote in mehreren US-Bundesstaaten sorgt für Aktualität. Toll besetzter Film mit eindeutiger Botschaft.

Michael Pekler

Ab 2.12. in den Kinos (OmU im Filmcasino)


Eine queere Liebesgeschichte: „Breaking the Ice“

Auf dem Plakat zum Film sind die Hauptdarstellerinnen in Close-up und voller Montur zu sehen: mit Helm und Gesichtsschutz, zur Action bereit. „Breaking the Ice“, das klingt gefährlich nach „vergletscherten Verhältnissen“, doch geht es im Spielfilmdebüt von Clara Stern (Buch und Regie) vielmehr darum, ebendiese aufzubrechen.

Stern erzählt die Geschichte der jungen Mira (Alina Schaller), die sich zwischen Pflicht – dem Weinbau der Familie, ihrer Sorge um den dementen Opa – und Neigung aufreibt: Mira spielt Eishockey, ist Captain der Dragons, eines Vereins, der Potenzial hat. Dies nicht zuletzt dank Theresa (Judith Altenberger), eines Neuzugangs, in den sie sich prompt verliebt. Manches hier ist nur behauptet, manch anderes bis zum vorhersehbaren Ende auserzählt. Dem beherzt agierenden Cast, den eingängigen Songs (Anna Suk, Macklemore) und dem Können der Profis auf dem Eis tut das keinen Abbruch.

Michael Omasta

Ab 25.11. in den Kinos


Sterbedrama mit Vicky Krieps: „Mehr denn je“

Was wissen die Lebenden schon von den Sterbenden? Nichts! So sieht es die unheilbar kranke Hélène (herausragend: Vicky Krieps). Eine Lungenfibrose und ihr bevormundender Freund Mathieu (Gaspard Ulliel) rauben Hélène buchstäblich den Atem. Spontan reist sie alleine nach Norwegen und trifft Bent (Bjørn Floberg), den sie zuvor nur aus seinem Sterbe-Blog kannte. In der rauen Landschaft aus Fjorden und Bergen findet sie Ruhe, in den Gesprächen mit dem Grumpy Old Norweger Verständnis.

Simple Antworten gibt es in Emily Atefs nachdenklichem Drama nicht. Stattdessen folgt es sensibel einer mit dem Schicksal hadernden Frau, die geschwächt am Liebesakt scheitert, Durchhalteparolen satthat und im ungewissen Warten auf eine Spenderlunge keine allzu große Hoffnung sieht. Hélène will nur eines: über ihr Leben, aber auch über ihren Tod bestimmen können.

Martin Nguyen

Ab 2.12. in den Kinos (OmU im Filmcasino)


One-Night-Stand mit Folgen: „Ninjababy“

Für die Betroffenen eine Katastrophe, sind ungewollte Schwangerschaften im Kino ein vielfach erprobter und genreübergreifend tauglicher Stoff. Im norwegischen Drama „Ninjababy“ (Regie: Yngvild Sve Flikke) muss Rakel, 23, die Folgen eines besoffenen One-Night-Stands hinnehmen. Dass nicht der knuffige Aikidō-Lehrer, sondern „Pimmeljesus“ als Befruchter fungierte, macht alles noch schlimmer: Scheiß-Typ, und für eine Abtreibung ist es zu spät.

Kristine Kujath Thorp verleiht der grundgenervten, comiczeichnenden und mit ihrem animierten Fötus Zwiesprache haltenden Rakel glaubhafte Züge. Ihre Unverblümtheit ist ein entschiedenes Plus des ziemlich witzig beginnenden Films. Allerdings kann er sich für kein Genre entscheiden und biegt nach zahlreichen Plot-Twists in ein genderpolitisch korrektes, aber ebenso unglaubwürdiges wie dramaturgisch vernudeltes Finale ab.

Klaus Nüchtern

Ab 2.12. in den Kinos (OmU im Votiv)


Packende Aufarbeitung: „She Said“

Harvey Weinstein war einer der mächtigsten Filmproduzenten Hollywoods. Über Jahrzehnte verfolgte er die fürchterliche Praxis, junge Schauspielerinnen zu „Karrieregesprächen“ in seine Hotelsuite einzuladen, wo er sie sexuell belästigte, nötigte, vergewaltigte. Die Filmindustrie schwieg dazu, die Frauen, die sich wehrten, wurden mit Knebelverträgen ihrer Stimme beraubt.

Im Oktober 2017 flog der Weinstein-Skandal auf, die #MeToo-Bewegung folgte. Hinter der Aufdeckung standen die Journalistinnen Jodi Kantor und Megan Twohey von der New York Times. Ihrem unermüdlichen Ehrgeiz, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen, ist der Film „She Said“ der deutschen Regisseurin Maria Schrader („Vor der Morgenröte“, „Ich bin dein Mensch“) gewidmet. Er liefert eine so packende wie erschütternde Aufarbeitung, großartig besetzt mit Zoe Kazan und Carey Mulligan.

Sabina Zeithammer

Ab 8.12. in den Kinos (OF im Burg, Artis und Haydn)

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