PETERS TIERGARTEN

Hodenloser Handel

Peter Iwaniewicz wünscht keinen guten Appetit!

Peter Iwaniewicz
Natur, FALTER 47/22 vom 23.11.2022

Zeichnung: Georg Feierfeil

Finde die Hoden des Aals!" Mit dieser ehrgeizigen Aufgabe schickte 1876 Karl Claus, Professor an der Uni Wien, den damals 19-jährigen Siegmund Freud an die Zoologische Station in Triest. Aale sind Wanderfische und obwohl die erwachsenen Tiere im 19. Jahrhundert in Europa weit verbreitet waren, wusste man nicht, wo diese Fische zur Welt kommen. Man hatte zwar schon Eierstöcke der Aalweibchen entdeckt, aber männliche Genitalien waren unbekannt. Da man diesen Speisefisch auch züchten wollte, war diese Frage, ob und wo es Männchen gibt, durchaus von weitreichender Bedeutung.

Freud konnte die "Aalfrage" nicht lösen, da erst 1922 ein dänischer Forscher die Laichplätze der Aale in der mehr als 5000 Kilometer entfernten Sargassosee fand. Aber auch dann blieb die Fortpflanzung der Aale ein Rätsel, denn erst viel später wurde festgestellt, dass junge Aale, anders als Zwitter, nicht mit zwei Geschlechtern ausgestattet sind, sondern anfangs mit gar keinem. Dieses bildet sich erst auf ihrer mehrmonatigen Wanderung über den Atlantik heraus. Freud war von seinem Misserfolg frustriert und erwähnte seine Aal-Forschungen nie mehr wieder.

Gegenwärtig sollten wir uns aber weniger mit dem phallischen Charakter des Aals befassen, sondern Regelungen gegen sein Aussterben finden. Da wir noch immer nicht wissen, wie sich Aale praktisch fortpflanzen, gibt es auch keine Aalzucht, sondern nur Aalmast. Die vor die Küsten Europas zurückgekehrten sogenannten Glasaale werden, noch bevor sie in die Flüsse aufsteigen können, gefangen und in Aquakultur aufgezogen. Eine EU-Verordnung - die einzige für eine Fischart - regelt Schonzeiten, Besatz und Handel. Ein Export nach Asien ist zwar verboten, aber etwa ein Viertel der 350 Millionen Tonnen europäischer Glasaale werden weiterhin illegal nach Asien weiterverfrachtet. Ein gutes Geschäft, denn entlang illegaler Lieferketten steigt der Wert eines Kilogramms Glasaal bei Ankunft in Asien um das 20-Fache auf 6000 Euro. Der Umsatz mit Aalfilets, erzeugt aus illegal exportierten Glasaalen, wird auf zwei bis drei Milliarden Euro geschätzt.

Aber wer isst eigentlich Aale? Viele, die ein Asia-Lokal besuchen: Unagi ist eine beliebte Auflage beim Sushi und als Unadon wird Aal als ganzes Filet serviert.

Dann wären da noch die Fisch-schreddernden Wasserkraftanlagen, der Pestizideintrag in Flüsse, Lebensraumzerstörung und so weiter. Aber ich höre schon auf, sonst werden Sie noch wie Freud vom Aal frustriert.

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