„Und der Haifisch, der hat Zähne …“

Mit der "Dreigroschenoper" gelang Bertolt Brecht und Kurt Weill ein Welterfolg. Nun zeigt die Volksoper diesen Klassiker

MIRIAM DAMEV
FALTER:WOCHE, FALTER 47/22 vom 23.11.2022

Polly (Johanna Arrouas) und Lucy (Julia Koci) buhlen um die Gunst von Mackie Messer (Sona McDonald) (Foto: Barbara Pálffy)

Berlin, August 1928. Der Komponist Kurt Weill und der Dichter Bertolt Brecht erarbeiten am Schiffbauerdamm-Theater ihre "Dreigroschenoper". Die Proben sind das reinste Chaos. Zuerst wirft der Regisseur das Handtuch, dann springt Rosa Valetti ab, sie sollte die Frau des Jonathan Peachum verkörpern. Diese "Schweinereien" in der "Ballade von der sexuellen Hörigkeit" werde sie um keinen Preis singen, brüllt Valetti Brecht entgegen.

Brechts Frau Helene Weigel bekommt eine Blinddarmentzündung und Operettenstar Harald Paulsen, der Darsteller des Mackie Messer, verlangt im letzten Moment ein Eröffnungslied für sich. Brecht schreibt in Windeseile "Die Moritat von Mackie Messer", Weill vertont den Text quasi über Nacht.

Bis zur letzten Minute vor der Uraufführung am 31. August fliegen die Fetzen. Und als der sonst so ruhige Kurt Weill entdeckt, dass auf dem Theaterzettel der Name seiner Frau Lotte Lenya (sie gibt die Spelunken-Jenny) fehlt und damit droht, die Vorstellung zu boykottieren, glaubt niemand mehr an einen Erfolg. Auch im Premierenpublikum herrscht zunächst eisige Stimmung - bis zum "Kanonensong".

"Ein unglaublicher Sturm erhob sich. Das Publikum raste. Von diesem Moment an konnte nichts mehr schiefgehen", erinnerte sich Lenya später. Die "Dreigroschenoper" wurde umgehend zur Sensation und macht den 29-jährigen Brecht zum Weltstar. Die Idee zum Stoff lieferte seine Mitarbeiterin Elisabeth Hauptmann. Sie hatte in einer Zeitung über "The Beggar's Opera" von John Gay aus dem Jahr 1728 gelesen - ein Stück über Bettler, Diebe und Huren. Der "Bettlerkönig von London", Jonathan Peachum, und seine Frau bekommen einen ungeliebten Schwiegersohn: den Gangster Mackie Messer. Er hat Peachums Tochter Polly heimlich geheiratet. Pollys Eltern setzen nun alles daran, Mackie Messer hängen zu sehen. Wobei Vater Peachum Mack um nichts nachsteht: so wie Zuhälter Prostituierte auf den Strich schicken, lässt er ein Heer von Bettlern für sich arbeiten.

In seiner "Dreigroschenoper" stellt Brecht das materialistisch-zynische Berliner Lebensgefühl der späten 1920er an den Pranger - frei nach dem Motto "Erst kommt das Fressen, dann die Moral". Theater lebt von Emotionen und der Identifikation des Publikums mit den Helden auf der Bühne; Brecht will das exakte Gegenteil. Sein Konzept des "epischen Theaters" fordert vom Zuschauer, die Rolle kritischer Beobachter zu übernehmen. "Wir wollen auf der Bühne das wirkliche Leben beschreiben", so Brecht. Er lässt provokante Plakate und Spruchbänder affichieren und die Schauspieler direkt zum Publikum singen.

Trotz kritischer Pressestimmen wurde die Dreigroschenoper ein triumphaler Erfolg. Im Theater am Schiffbauerdamm lief sie während der gesamten Spielzeit 1928/29 en suite vor ausverkauftem Haus. Bereits ein Jahr später hatten mehr als 50 Theater das Stück gespielt. Ganz Europa befand sich im "Dreigroschenfieber", überall in den Straßen wurden Weills Kompositionen gepfiffen. Sie sind auch der Schlüssel zum Erfolg: Weill erfand hinreißende Melodien, die er ironisch mit falschen Klängen und harten Rhythmen brach; er vermischte Jazz, Foxtrott und Tango, zitierte einen Choral und eine barocke Fuge, parodierte Oper und Operette.

Den Welthit "Die Moritat von Mackie Messer" - auch bekannt als "Mack the Knife" - coverten Ella Fitzgerald, Hildegard Knef, Bobby Darin, Robbie Williams, Udo Lindenberg und Hunderte mehr. Aber auch das "Lied von der Seeräuber-Jenny", das "Liebeslied" von Polly und Mackie Messer oder die melancholische "Zuhälterballade" avancierten zu Evergreens.

Nach der Premiere wurde die "Dreigroschenoper" innerhalb von fünf Jahren über 10.000 Mal in ganz Europa aufgeführt, in 18 verschiedene Sprachen übersetzt und unzählige Male verfilmt. 1952 brachte Leonard Bernstein sie an den Broadway. Nun erlebt sie in der Regie von Maurice Lenhard ihr spätes Debüt an der Wiener Volksoper.

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Das abstrakte Bühnenbild erinnert an eine Eisscholle und steht für (soziale) Kälte und falsche Freundschaften. Um mit den Sehgewohnheiten zu brechen, lässt Lenhard den Mackie Messer von einer Frau spielen (Sona McDonald), während mit Oliver Liebl ein Mann in die Rolle der Hure Jenny schlüpft.

"Das Bild des nebeligen London mit den verruchten Huren und breitbeinigen Gangstern wurde seit der Uraufführung regelrecht romantisiert und funktioniert so nicht mehr", findet Lenhard. Er möchte stattdessen auf die anarchische Härte im Stück sowie das Spiel mit den Ambivalenzen fokussieren - und die "Dreigroschenoper" so in die Gegenwart holen: "Im Mittelpunkt steht die Frage, wie wir als Gesellschaft miteinander umgehen wollen."


Die Dreigroschenoper: Volksoper Wien, So 19.00 (Premiere)

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