Defilee der Party People

Hofburg und Berghain, Maskenball und Protest-Rave: Die Ausstellung „Das Fest“ im Mak bringt historische Zeugnisse und Objekte einer Kultur des Feierns mit zeitgenössischer Kunst, Design und Mode zusammen

Nicole Scheyerer
FALTER:WOCHE, FALTER 49/22 vom 06.12.2022

Maskenball von Adel und High Society in Paris: Der französische Gesellschaftsfotograf André Ostier hielt „Vicomtesse de Ribes und Pierre Celeyron. Winter Ball, Hotel Coulanges, 1958“ fest (Foto: A. & A. Ostier)

Gleich nach ihrem Antritt als Mak-Direktorin 2021 plante Lilli Hollein eine Ausstellung zum Thema Feiern. Die ab 14. Dezember zugängliche Schau holt rund 30 zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler auf den Partytruck und lässt Historisches hochleben. Im Untertitel „Zwischen Repräsentation und Aufruhr“ spricht die Kuratorin Brigitte Felderer die Bandbreite all dessen an, was ein Fest bedeuten kann. Ein Interview zu Reifröcken, Ex-Gläsern, Protestfeiern und Möbelexzessen.

Falter: Frau Felderer, haben Sie seit der Pandemie ein rauschendes Fest erlebt?


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Brigitte Felderer: Ja, bei einer Doppel-Geburtstagsfeier. Alle Gäste haben dieses Fest mit einer ganz neuen Wertschätzung erlebt. Da spürt man, wie viel Schaden Corona angerichtet hat und dass man sich an Nähe erst wieder gewöhnen muss. Zugleich wird deutlich, wie sinnstiftend ein Fest ist. Es eröffnet einem unerwartete Gesprächsthemen und Begegnungen, man muss sich auf etwas einstellen, das außerhalb der eigenen Kontrolle liegt. Zugleich ist es auch wichtig, sich noch einmal der Freundschaften zu versichern. Feste und Freundschaften hängen ja eng zusammen.

Sie unterrichten auf der Angewandten „soziales Design“. Was ist das und wie steht es mit dem Fest in Verbindung?

Felderer: Unsere Abteilung heißt „Social Design. Arts as Urban Innovation“ und hat viel mit dem Ausstellungsthema zu tun. Einfach gesagt, geht es bei Social Design um die Zwischenräume – städtische, gesellschaftliche und die unterschiedlichen Dynamiken. Wenn man sich mit Städten beschäftigt, denkt man zumeist an Gebautes, an Geschichte mit Ewigkeitsanspruch, aber sie reagieren wahnsinnig schnell auf sozialen Wandel und verändern sich. Urbane Strukturen, etwa die Wiener Ringstraße, waren immer auch gekoppelt an eine Geschichte des Festlichen.

Wie hat das Feiern Wien geprägt?

Felderer: In einer Zeit, als es noch viel härtere soziale Unterschiede gab als heute, haben Feste Öffentlichkeit erzeugt. Wurde eine habsburgische Braut in die Hofburg gefahren, fanden ein Festzug und ein Feuerwerk statt. Ein zentrales Thema der Ausstellung sind auch die frühen politischen Mai-Aufmärsche. Der 1. Mai wurde im 19. Jahrhundert zum Feiertag und hat die größten Menschenansammlungen in der damaligen Monarchie erzeugt. Wir zeigen einen Film von einem Fest der Arbeiterbewegung 1925 am Wilhelminenberg. Es ist schon beeindruckend, wie viele Menschen da zusammengekommen sind, die eine positive Gesellschaftsveränderung im Sinn hatten.

In Museen werden meist kostbare Dinge bewahrt, also Artefakte der Eliten. Wie sieht es mit Relikten von Volksfesten aus?

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Felderer: Es ist ein Grundproblem musealer Sammlungen, dass sie die längste Zeit nur das Schönste, Reichste, Kostbarste wahr- und aufgenommen haben. Das Feld der Unterhaltung fiel da komplett raus. Ich habe mich viele Jahre mit Zauberkunst beschäftigt und dazu gibt es in den Museen so gut wie nichts. Ausgehend vom 1. Mai ist das Plakat ein demokratisches Medium, es gibt sehr schöne Einladungskarten. Selbst so ein „Flyer“ oder eine Fahne können eine sehr hohe künstlerische Qualität annehmen. Da sieht man die Bedeutung des festlichen Rituals, an dem viele mitgewirkt haben. Das ist nicht an ein großes Ballkleid gekoppelt. Wir zeigen auch Modelle des Designers Helmut Lang, der dem Opulenten, dem Pseudo-Höfischen eine Absage erteilt hat. Eine moderne Festkultur muss sich davon entkoppeln. Für die Gestaltung der Ausstellung hat der Künstler Peter Sandbichler mit Fahrradkartons ein bewusst billiges Material gewählt.

Die Ausstellung schöpft auch aus den Beständen des Mak, wo es unendlich viel Dekoratives gibt. Stellen Sie Weihnachtsschmuck aus?

Felderer: Nein, wir bleiben profan, religiöse Feste spielen keine Rolle. Aber wir zeigen etwa einen Tafelaufsatz, den das Stift Zwettl im 18. Jahrhundert bei der Wiener Porzellanmanufaktur in Auftrag gegeben hat. Angeliefert wurde schließlich Rokoko-Repertoire, also nackte Engelchen und frivole Götter. Das passte kaum ins Kloster, deswegen wurden Figuren der Tugenden nachbestellt. In unserer Schau operiert jetzt der Künstler Thomas Hörl mit diesem historischen Ensemble und legt die verborgenen Botschaften frei. Die Putti bekommen ein Schürzerl und ein Kragerl, werden wieder angezogen, man schaut noch einmal gottlos drauf.

Was macht das Festliche fernab des Repräsentativen aus?

Felderer: Der Aufruhr und die Selbstermächtigung. Wir haben ganz tolles dokumentarisches Material der britischen Proteste Ende der 90er-Jahre, als der „Carnival Against Capital“ auf den gleichzeitig stattfindenden G8-Gipfel reagierte. Da gab es etwa Demonstranten mit riesigen Kreolinen, und unter diesen Reifröcken wurde der Asphalt aufgebohrt. Auch Clubs spielen eine wichtige Rolle, das ist die Festkultur von heute, wo es um Freiheitsgefühle geht. Es gibt Zeichnungen von der Panorama-Bar des Berliner Clubs Berghain, wo Sampo Hänninen die verschiedenen Gruppen von Stammgästen festgehalten hat. Ins Bassiani in Tiflis pilgern die Leute sogar aus dem Iran.

In Georgien wurde ja auch politischer Widerstand mit Raves verbunden.

Felderer: Ja, unter dem Motto „We dance together, we fight together“ wurde 2018 vor dem Parlament demonstriert. Die Polizei konnte die Tanzenden schwer mit Wasserwerfern wegtreiben. Der Festcharakter nahm das Aggressionspotenzial heraus. Ein Fest ist auch etwas Kluges, weil es Gesellschaft bildet.

Gehören zum Fest nicht auch Verausgabung und demonstrative Verschwendung?

Felderer: Wir präsentieren ein irres Ding von einem Möbel, das aus der Mak-Sammlung zum Historismus stammt. Es handelt sich um einen Aquarellschrank, der als Geschenk zur Hochzeit von Kronprinz Rudolf und seiner Braut Stephanie entstanden ist. Mak-Kurator Sebastian Hackenschmidt hat dafür den Begriff „Exzessmöbel“ geprägt. Alle wichtigen Professoren der Kunstgewerbeschule waren involviert, für die Aquarelle, die Schnitzarbeiten, ein Architekt hat die Form des Schranks entworfen und so weiter. Für mich steht dieses Möbel für das neo-absolutistische System, das eh schon bröckelt, sich aber dagegen aufbäumt. Es ist ein Luxus, der leer bleibt, als hohle Formel.

Die Schau zeigt auch kegelförmige „Ex-Gläser“, die man nicht hinstellen kann und daher sofort austrinken muss. Zu welchem Anlass wurden solche Trinkgefäße verwendet?

Felderer: Sie wurden dem Brautpaar vor der Hochzeit gereicht, damit sie entspannter sind. Aus der Renaissance sind Scherzgefäße erhalten, bei denen der Wein nicht aus dem sichtbaren Loch kommt, sondern woandersher, und sich der Trinker anpritschelt. Das sind so inszenierte Peinlichkeiten, gegen das Protokoll. Wir zeigen aber auch eine Vitrine mit den schönsten Champagnergläsern. Das war offensichtlich etwas, das jeder gute Designer einmal entwerfen musste. Unter dem Motto „Luxus für alle“ hat die Künstlerin Michèle Pagel einen Barhocker in einen Shrimpscocktail verwandelt. Der Titel stammt von der Pariser Kommune, die Shrimps wurden aus Ziegelsteinen gemacht und die Bierflaschen darin als Molotowcocktails gestaltet.

Welche Rolle spielten Künstlerinnen und Künstler in den unterschiedlichen Epochen für das Festliche?

Felderer: Historisch gesehen gab es ja kein wichtiges Fest, in das Künstlerinnen und Künstler nicht in irgendeiner Form involviert gewesen wären. Wenn beispielsweise ein Herrscher geheiratet hat, dann brauchte er Musik, eine Oper, Dekor, einen Festzug und so weiter und so fort. Das war keine Geste, sondern eine Notwendigkeit. In unserer Zeit sind Künstlerinnen und Künstler gesellschaftliche Role Models, so cool und so subversiv, aber im Grunde weiß man, dass die Kulturindustrie heutzutage alles frisst.

Sie widmen sich auch dem Künstlergschnas, also den Faschingsfesten in Secession und Künstlerhaus. Wie wurde da gefeiert?

Felderer: Diese Feste waren einerseits repräsentativ – der Großteil der akademischen Künstlerinnen und Künstler kam ja aus bürgerlichen Schichten. Während des Austrofaschismus, im Ständestaat, gab es ein Gschnas unter dem Motto „Heuriger“, der Dresscode war Tracht und Dirndlkleid. Bei Festen 1939 gab es schon den Arierparagrafen (Zutritt für Jüdinnen und Juden verboten, Anm. Red.). Nach dem Krieg waren diese Feste sehr wichtig zum Experimentieren. Maler wie Josef Mikl oder Hans Staudacher haben fantastische Rauminstallationen geschaffen, Musik und auch Performances gehörten dazu, es war wichtig für die Entwicklung der Avantgarde.

Welche Bedeutung hat die Maskerade?

Felderer: Das Venedig von Casanova mit seinem Karneval im 18. Jahrhundert galt als Sündenpfuhl, als Las Vegas von Europa. Wir können uns heute gar nicht mehr vorstellen, wie riesig die Unterschiede auch innerhalb der Aristokratie waren. Die Maskierung bewirkte die Freiheit, Klassenschranken für kurze Zeit zu überwinden und später zu behaupten: „Ich konnte es ja nicht wissen!“ Die Maske war also immer gefährlich, kein Wunder, dass sie so oft verboten wurde. Der Künstler Bogomir Doringer hat sich mit der Kultur der Gesichtslosigkeit in den sozialen Medien beschäftigt, also wie man getarnt den Algorithmen entgeht. Generalisierend könnte man auch sagen, dass exzessives Feiern oft eine Reaktion auf autoritäre Strukturen ist.

In Thomas Vinterbergs Film „Das Fest“ fallen die Masken, als ein Familienpatriarch des Kindesmissbrauchs bezichtigt wird. Zeigen Sie in der Ausstellung auch die dunkle Seite des Feierns?

Felderer: Ja, mit der Videoarbeit „Un ballo in maschera“ von Yinka Shonibare. Das Libretto der Verdi-Oper handelt von der Ermordung eines Königs beim Maskenball. In Shonibares Film sieht man den Hof ohne Musik tanzen. Der König wird erschossen, fällt um, aber im nächsten Moment steht er wieder auf und tanzt weiter. Es läuft im Loop. Die Kostüme folgen der Formensprache des Rokoko, aber die Stoffe sind „wax prints“, holländische Kolonialware, die man in Afrika verkauft hat. Feste wurden auch durch Ausbeutung in den Kolonien finanziert. Sie haben viele Ressourcen verbraucht, und davon Ausgeschlossene haben den Preis dafür bezahlt.F


Brigitte Felderer
ist Kulturwissenschaftlerin und hat die Schau „Das Fest“ im Mak kuratiert. Sie unterrichtet „Social Design“ auf der Angewandten. Diverse Ausstellungen und Publikationen, darunter das Buch „Rare Künste“ über Zaubern

„Das Fest. Zwischen Repräsentation und Aufruhr“ im Mak, Eröffnung Di 19.00 bis 21.00 (bis 7.5.)

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