Kino ohne Wenn und Aber:

Neue Filme zu den Feiertagen

Geschichten von alleinerziehenden Pariserinnen, irischen Eigenbrötlern, aufmüpfigen Uhrmacherinnen, einem Jungvater mit Selbstzweifeln und einer Prominententochter auf der Flucht. Sechs Empfehlungen

PREVIEWS: MARTIN NGUYEN, MICHAEL OMASTA, SABINA ZEITHAMMER
Lexikon, FALTER 51/22 vom 21.12.2022

Sturschädel unter sich: "The Banshees of Inisherin"

Irland, 1923. Auf der abgelegenen Insel Inisherin versteht der gutmütige Tölpel Pádraic (fabelhaft: Colin Farrell) die Welt nicht mehr. Sein bester Freund Colm (Brendan Gleeson), existenzieller Denker und Geiger, beendet abrupt ihre lebenslange Freundschaft: "Ich mag dich einfach nicht mehr." Um dem Kontaktverbot Nachdruck zu verleihen, droht Colm mit drastischer Selbstverstümmelung: "Sprich mich an, Finger ab!"

Martin McDonagh spielt in seiner schwarzen Komödie "The Banshees of Inisherin", die als heißer Oscar-Kandidat gilt, die Idee des kindischen Verhaltens mit männlichem Starrsinn konsequent durch. Die dumpfen Detonationen des Bürgerkriegs auf dem Festland wirken dabei wie eine metaphorische Eskalationsstufe. Mithilfe seiner bücherliebenden Schwester Siobhán (Kerry Condon) versucht Pádraic, seinen Freund zurückzugewinnen. Ob dies gelingt, ist zweifelhaft, doch den verschrobenen Charakteren zuzusehen, ist tragisches und äußerst komisches Vergnügen zugleich.

Ab 5.1. im Kino (OmU im Votiv, OF im Burg)

Handwerkskunst und Politik: "Unruh"

Sie wache zwar stets zur selben Zeit auf, aber einen Wecker zu besitzen mache die Sache eben moderner, meint eine Frau zu ihren Bekannten. Wir schreiben 1877. Das Schweizer Städtchen, in das Regisseur Cyril Schäublin uns führt, ist von Uhren besessen -und überzeugt davon, dass Zeit Geld sei. In der lokalen Fabrik blüht die Handwerkskunst, aber die Arbeiterinnen werden penibel überwacht; dass sich ein Großteil der Belegschaft für die politische Idee des Anarchismus erwärmt, gefällt den Mächtigen gar nicht. Umso begeisterter ist der frisch angereiste russische Kartograf Pjotr Kropotkin.

Nahaufnahmen von Gesichtern und Uhrwerken treffen auf Totalen mit eigensinniger Kadrage: In Form eines filigran-minimalistischen, hoch konstruierten Kostümfilms gibt Schäublin mit "Unruh" eine Geschichtsstunde. Très charmant!

Ab 6.1. im Kino (OmU im Metro Kinokulturhaus)

Fluch der Prominenz: "Vera"

Es genügt ein Blick in das Gesicht der nicht mehr ganz jungen Frau, um zu wissen, dass sie kein wirklich glückliches Leben hat. Vera, die Titelheldin des neuen Films von Tizza Covi und Rainer Frimmel, ist die Tochter des 2013 verstorbenen italienischen Schauspielstars Giuliano Gemma -und der berühmte Name längst zum Fluch für sie geworden. Denn jede Person, die sie im Lauf der Filmhandlung kennenlernt, sucht aus der Begegnung mit ihr Kapital zu schlagen, ihre Prominenz für den eigenen Vorteil auszunutzen.

In einer Schlüsselszene des Films besucht Vera zusammen mit Asia, der Tochter des legendären Regisseurs Dario Argento, in Rom die letzte Ruhestatt August von Goethes. Auf dem Grabstein steht "Goethes Sohn" - nichts über den Toten oder was er geleistet hat, nicht einmal sein Vorname.

ANZEIGE

Ab 6.1. in den Kinos (OmU im Stadtkino im Künstlerhaus)

Nostalgische Achtziger: "Passagiere der Nacht"

Es ist ein unfreiwilliger Aufbruch: Élisabeth (sensibel: Charlotte Gainsbourg) steht im Paris der 1980er plötzlich allein mit den zwei Kindern im Teenageralter da, nachdem ihr Mann sie verlassen hat. Orientierungslos und überfordert, findet sie Halt im Job als Telefonistin einer nächtlichen Radiosendung, wo sie die junge obdachlose Talulah (Noée Abita) kennenlernt. Zum Erstaunen ihrer Kinder quartiert sie die Streunerin kurzerhand daheim ein; Sohn Mathias (Quito Rayon-Richter) ist von der Unbekannten fasziniert.

"Passagiere der Nacht" von Mikhaël Hers ist betörendes, magisches Kino. Aus dem Alltag der Eighties, wo nonstop geraucht, geredet und getanzt wird, formt der Film ein nostalgisches Familienporträt voller Wärme und melancholischem Lebensgefühl.

Ab 5.1. in den Kinos (OmU im Votiv)

Nochmal mit Gefühl: "An einem schönen Morgen"

Sie fürchte, ihr Liebesleben sei vorbei, sagt die Übersetzerin Sandra an einem samtigen Pariser Sommerabend zu Clément, einem alten Freund. Wenig später beginnen die verwitwete Mutter einer Tochter und der verheiratete Vater eines Sohnes eine Affäre, die bald zur leidenschaftlich-zehrenden Liebe wird. Unterdessen muss Sandra zusammen mit dem Rest der Familie einen Pflegeheimplatz für ihren Vater (umwerfend: Pascal Greggory) suchen, einen Philosophieprofessor, der an einer neurodegenerativen Krankheit leidet.

Von großen Gefühlen erzählt die Autorenfilmerin Mia Hansen-Løve in ihrem Frauen-und Familienporträt zugleich zart und intensiv, unaufgeregt und sinnlich, melancholisch und hoffnungsvoll. Getragen wird ihr schönes Werk über Abschied und Neubeginn, in dem sie eigene Erfahrungen verarbeitet hat, von der großartigen Léa Seydoux.

Ab 29.12. in den Kinos (OmU im Votiv)

Zweifel in allen Lebenslagen: "Mein Wenn und Aber"

Es gibt einen heimischen Filmemacher, der das Hadern -am eigenen Ich, den eigenen Fähigkeiten, den erträumten und an ihn herangetragenen Lebensentwürfen -zum Zentrum tragikomischer Dokus macht: Marko Doringer begeisterte mit "Mein halbes Leben"(2008), legte mit "Nägel mit Köpfen" (2013) nach und brachte dann - lang nichts ins Kino. Mehrere Krisen, darunter der Absprung einer Protagonistin und ein Burn-out, bremsten die Filmarbeit aus.

Der Regisseur ließ die Probleme schließlich selbst Teil seiner Fortsetzung "Mein Wenn und Aber" werden, die erforscht, wie Beruf, Beziehung und Baby(s) unter einen Hut zu bringen sind. Teil drei wirkt stärker zusammengebastelt als die Vorgänger, die "Doringer-Blase" schillert aber immer noch in ganz eigenen Farben von radikaler Subjektivität und fast schmerzhafter Offenheit.

Ab 30.12. in den Kinos (in Wien u.a. im Filmcasino)

Fanden Sie diesen Artikel interessant? Dann abonnieren Sie jetzt und bleiben Sie mit unserem Newsletter immer informiert.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Alle Artikel der aktuellen Ausgabe finden Sie in unserem Archiv.

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!