Die Akte Teichtmeister

Der Burgschauspieler Florian Teichtmeister hatte seine Sexualstraftat im August 2021 gestanden, eine Therapie begonnen und das Burgtheater belogen. Er hoffte auf eine Einstellung des Verfahrens. Nun erwartet ihn eine milde Strafe

FLORIAN KLENK, LINA PAULITSCH
Politik, FALTER 03/23 vom 18.01.2023

Florian Teichtmeister ist seit August 2021 geständig und log das Burgtheater an. Es ließ sich den Strafakt trotz medialer Berichte nicht vorlegen (Foto: Florian Wieser/APA/picturedesk.com)

Am 4. August 2021 registriert das Stadtpolizeikommissariat 8 einen Notruf wegen "häuslicher Gewalt". Die Lehrerin Maria M. (Name geändert) alarmiert die Exekutive. Ihr Lebensgefährte drehe durch.


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Die Polizei rückt in die Alsergrunder Thurngasse aus, klopft an die Türe des Altbaus und trifft dort auf einen Mann, der aus Film und Fernsehen bekannt ist: Florian Teichtmeister.

Als Staatsanwalt Viktor Huber trat der heute 43jährige Schauspieler etwa in der ZDF-Krimiserie "Die Chefin" auf, im "Tatort" und im "Kommissar Rex" war er zu sehen. Nun findet sich der Mime im richtigen Leben in einer ungewohnten Rolle wieder: als Sexualstraftäter. Teichtmeister, so wird die Polizei bei ihrem Besuch im August 2021 bemerken, ist schwer kokainsüchtig, und nicht nur das. Offenbar besitzt er Dateien mit Abbildungen sexueller Gewalt an Kindern. Er ist bereit zu kooperieren.

Er führt die Beamten in sein Schlafzimmer. In seiner Matratze hat er Koks gebunkert. 100 Gramm, eine beachtliche Menge. Teichtmeister drückt den Beamten aber noch etwas in die Hand, das ihn süchtig machte: einen USB-Datenstick. Auf diesem, so gesteht der Schauspieler den Polizisten, seien "Kinderpornos gespeichert". Die Polizei informiert umgehend die Spezialabteilung des Landeskriminalamts Wien. Es bestehe der "Verdacht auf pornografische Darstellung Minderjähriger". Das Opfer ist laut Akt ein "unbekanntes Mädchen".

Drei Beamte des Landeskriminalamts Wien klopfen zwei Tage später, am 6. August, wieder in der Thurngasse an. Teichtmeister öffnet die Türe und übergibt den Beamten weitere Datenträger. Die telefonisch kontaktierte Staatsanwältin ordnet eine Hausdurchsuchung an: Vier iPhones, neun DVDs, ein MacBook, zehn USB-Sticks, 16 Speicherkarten, einen iMac und 13 Festplatten überreicht Florian Teichtmeister der Polizei.

Die Amtshandlung verläuft ruhig, die "tatrelevanten Gegenstände" seien "gänzlich freiwillig ausgefolgt" worden, notiert die Polizei. Teichtmeister verrät den Polizisten auch sofort den Code seiner Apple-Geräte, "Cerrotorre", der Name eines Berges in den Anden etwa. Das ist nicht unwichtig für den weiteren Fortgang des Falles. Denn durch das Passwort sparen die Forensiker Zeit und Geld. Teichtmeister arbeitet an der Aufklärung mit. Er ist offenbar gut beraten: Neben dem Geständnis ist sein Beitrag zur Aufklärung der Straftat ein weiterer Milderungsgrund nach dem Strafgesetzbuch, sollte es zum Verfahren kommen.

Als Teichtmeister gegenüber der Kripo sein Geständnis ablegte, war er einer der berühmtesten Schauspieler des Landes. Er spielte an der Burg, er war sozial engagiert, setzte sich im Parlament bei einem Festakt mit bebender Stimme für Opfer sexueller Gewalt ein. Er galt als charmant, aber ebenso auch als unberechenbar. Auch international ging es steil nach oben: Im Juli 2021, also nur wenige Tage vor dem Auffliegen seiner Straftat, beendete er eines seiner größten Filmprojekte: In Marie Kreutzers Sisi-Adaption "Corsage" spielt er den Monarchen Kaiser Franz Joseph. Der Streifen wird bei den Filmfestspielen in Cannes gezeigt.

Teichtmeister weiß in jenen Sommertagen 2021 wohl, dass er vor Gericht landen wird. Aber von seinen Datenträgern erzählt er seinen Kolleginnen und Kollegen in Film und Theater kein Wort. Anders verhält er sich gegenüber den Behörden, mit denen kooperiert er "vollumfänglich", wie es im Gerichtsakt heißt.

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Offenbar hofft Teichtmeister, seinen Strafverteidiger Philipp Wolm zur Seite, auf milde Bestrafung, vielleicht sogar auf eine Einstellung seines Verfahrens gegen Auflagen. Das Strafrecht und auch die Judikatur haben sich ja in den letzten Jahrzehnten modernisiert. Wer suchtkrank und therapiewillig ist, wird nicht eingesperrt, sondern bekommt eine zweite Chance. Teichtmeister kooperiert daher nicht nur mit den Behörden, sondern auch mit den Ärzten. Die Justiz kommt ihm Schritt für Schritt entgegen: Sein Verfahren wegen Drogenbesitzes wird zurückgelegt, trotz der gewaltigen Menge von 100 Gramm Kokain. Das ist ungewöhnlich. Die Staatsanwaltschaft glaubt ihm, dass er das Suchtgift nur zum Eigenkonsum verwendet hat und nicht verkauft.

Auch die Anzeige wegen "fortgesetzter Gewalt" gegenüber seiner Lebensgefährtin wird von der Staatsanwaltschaft Wien zurückgelegt. Begründung: Der Verdacht sei "nicht zu beweisen".

Bleibt das Delikt Paragraf 207a des Strafgesetzbuches. Strafbar ist "wer sich eine pornographische Darstellung einer unmündigen Person verschafft oder eine solche besitzt", heißt es da. Das Gesetz existiert erst seit den 1990ern und bestraft schon den bloßen Besitz solcher Bilder mit sexueller Gewalt an Kindern. Denn Besitz, so erkannte der Gesetzgeber, setzt einen Handel voraus. Und der Handel einen Markt für den sexuellen Missbrauch von Kindern. Wer Darstellungen mit sexueller Gewalt an Unmündigern konsumiert, macht sich also auch sexueller Gewalt schuldig. Zudem sollen die Betroffenen davor geschützt werden, dass Bilder ihrer Körper weiter vermarktet und kopiert werden.

Der Strafrahmen ist mit "bis zu zwei Jahren" moderat, die Tat ist ein Vergehen, kein Verbrechen. Teichtmeister weiß: Wenn er kooperiert, wenn er sich einer Therapie stellt, dann kommt er vielleicht mit einer bedingten Strafe davon, vielleicht sogar mit einer sogenannten Diversion, also einer Erledigung des Verfahrens gegen Bezahlung eines Bußgeldes oder medizinischer Auflagen. Die Chancen stehen schlecht, aber er wird es versuchen.

Im September 2021 fliegt die Sache aber auf, zumindest für Insider des Kulturbetriebs. Die Kronen Zeitung, der Standard und andere Medien berichten erstmals über die Ermittlungen gegen Teichtmeister. Sein Name wird - aus medienrechtlichen Gründen - nicht genannt. Der juristische Grund: Teichtmeisters Delikt steht "nicht im Zusammenhang mit dem öffentlichen Leben", er hat daher das Recht auf Anonymität. Die Ermittlungen standen erst am Anfang. Dass er voll geständig war, wussten die Medien nicht. Einen Einblick in die Polizeiakte hatten die Journalisten nicht. Die Polizei arbeitete sich durch die Dateien.

Das Burgtheater stellt Teichtmeister damals zur Rede, wie Burg-Chef Martin Kušej am Wochenende offenbarte. Doch er streitet alles ab. Eine Intrige seiner Lebensgefährtin sei da im Gange, er sei unschuldig, soll Teichtmeister angegeben haben. Er habe der Polizei doch alle Datenträger übergeben, erzählt er der Burg laut Kušej. Wenn er ein Sexualstraftäter sei, würde er doch nicht so agieren. Die Ensemblevertretung glaubt ihm. Nur einige wenige Künstler rücken demonstrativ ab, etwa der Regisseur Sebastian Brauneis.

Teichtmeister beginnt in dieser Zeit ein zweites Doppelleben. Vielleicht hofft er, dass die Sache für ihn ohne ein Verfahren endet, dass er nach einer Therapie weiter spielen kann? Fest steht, dass er sich therapieren lässt, wie ein gerichtliches Sachverständigengutachten des Gerichtspsychiaters Peter Hofmann zeigt, der ihn für zurechnungsfähig erklärt. Eine Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie verschreibt ihm Psychopharmaka und bestätigt der Staatsanwaltschaft schon im April 2022, dass er "regelmäßig zur fachärztlichen Behandlung" komme. Das AKH dokumentiert, dass Teichtmeister "supervidierte Harnkontrollen" abgebe, Status negativ.

Ein klinischer Psychologe schreibt im April 2022, Teichtmeister sei "zum Zwecke der Aufarbeitung seiner Gewalt- und Sexualphantasien in klinisch-psychologischer Behandlung". Er habe "sämtliche vereinbarten Behandlungstermine eingehalten, ist zu allen Sitzungen pünktlich erschienen und arbeitet engagiert an der Erreichung der Therapieziele mit".

Die Diagnose des Psychologen fällt differenziert aus: "Zusammenfassend muss festgestellt werden, dass beim Untersuchten Episoden von erheblichem Substanzmissbrauch (Kokain in jüngerer Vergangenheit) angegeben werden. Dies geht mit einem Zeitraum mit erhöhtem Erregungsund Energieniveau einher, in dem ein erhöhtes Ausmaß an Impulsivität und Aktiviertheit feststellbar war." In dieser Zeit sei es "wiederholt zu sexuell deviantem Verhalten, Gebrauch von Kinderpornografie gekommen", allerdings "niemals zu Handson-Delikten". Teichtmeister, so der Arzt, habe auch "keinerlei kinderpornografisch Abnormes selbst angefertigt, auf entsprechenden Plattformen hochgeladen oder sich an diesbezüglichen Chats beteiligt". Er leide an einer "Störung einer Sexualpräferenz im Sinne einer nicht ausschließlichen Pädophilie, orientiert auf Mädchen". Eine lange Therapie stehe bevor.

Teichtmeisters Anwälte versuchen nun, eine Diversion zu erlangen, also eine Erledigung des Verfahrens gegen Auflagen. Bei Sexualstraftaten ist das aber praktisch ausgeschlossen. Die Angst der Verteidigung: Teichtmeister drohe vor Gericht zwar nur eine bedingte Haftstrafe, aber in der Öffentlichkeit die soziale Ächtung, daher sei eine nichtöffentliche "Enderledigung" mit Auflagen für seine Resozialisierung wertvoller.

Am 1. Dezember 2022, mehr als ein Jahr nach dem Auffliegen der Straftat, stellen sie einen entsprechenden "Antrag". Die Argumentation der Verteidigung: Teichtmeister sei seit seinem 31. Lebensjahr, also seit mehr als zehn Jahren, kokainsüchtig, er sei auch aufgrund seiner durch die Sucht ausgelösten Persönlichkeitsstörung in eine massive Pornografiesucht geschlittert. In der Pandemie habe er völlig die Tagesstruktur (Proben am Vormittag, Auftritte am Abend) verloren. Sein Alltag habe sich nur noch um seine Sucht nach den verbotenen Bildern gedreht. Er sei sich seiner Schuld "vollends bewusst", er übernehme Verantwortung durch die Therapien. Es brauche keine Bestrafung und keinen öffentlichen Prozess, um ihn von weiteren Straftaten abzuhalten. Denn: Seine Taten seien "mit seinem sonstigen Verhalten in auffallendem Widerspruch".

Doch die Staatsanwaltschaft muss ein öffentliches Verfahren führen, eine Diversion bei Sexualstraftaten findet aus generalpräventiven Gründen nicht statt. Die Öffentlichkeit, ob links oder rechts, vor allem auch die sofortistischen Social Media fordern gerade bei Sexualstraftaten mit Kindern "volle Härte". Als der Anwalt Michael Rami, im Nebenjob Verfassungsrichter, bekanntgibt, Teichtmeister im Medienrecht zu vertreten, erntet auch er einen Shitstorm. Wie könne ein Verfassungsrichter einen übergriffigen Kriminellen verteidigen, wird er allen Ernstes gefragt. Strafverteidiger gelten bei manchen offenbar als Komplizen von Tätern.

Die Anzahl der inkriminierten Dateien macht eine Diversion rechtlich unmöglich. Mehr als ein halbes Jahr lang untersuchte der Datenforensiker Karsten Theiner die beschlagnahmten Festplatten. Er klickt sich nicht durch alle Daten, setzt künstliche Intelligenz ein. Der Strafantrag, den der Standard veröffentlichte, listet in distanzierter Juristensprache auf, was die Experten gefunden haben: "Zumindest 58.000 Medien-Dateien, auf denen wirklichkeitsnahe, reißerisch verzerrte, auf sich selbst reduzierte und von anderen Lebensäußerungen losgelöste Abbildungen der Genitalien oder Schamgegend Minderjähriger sowie geschlechtliche Handlungen durch und an mündigen und unmündigen Personen abgebildet sind".

Ein Prozess, so wurde nun bekannt, steht am 8. Februar an. Da sein Anwalt verlautbarte, dass Teichtmeister geständig sei, gilt die Unschuldsvermutung für ihn in den Medien rechtlich nicht mehr. Das Burgtheater hat ihn fristlos entlassen, Filmfirmen und Filmverleihe setzten Produktionen mit ihm ab. Die Branche wendet sich angewidert ab. Vor allem Künstlerinnen beklagen, dass er gedeckt worden sei, während man seiner Freundin nicht geglaubt habe.

Der Fall wird nun auch zum Politikum. Denn hätte die Burg schon früher handeln müssen? Hätte sie überhaupt anders handeln können, als Teichtmeister zu vertrauen? Kultur-Staatssekretärin Andrea Mayer (Grüne) will das nun untersucht wissen.

Das Ergebnis kann vorweggenommen werden: Martin Kušej war schlecht beraten, indem er Teichtmeister blind vertraute. Außer einem Gespräch gab es keine Konsequenzen. Im Gegenteil: Zuletzt spielte der Schauspieler gar die Rolle eines Mannes, der wegen Porno-Chats in der Krise steckt - in "Nebenan" von Daniel Kehlmann. Das Burgtheater setzte das Stück nun ab.

Die Arbeitsrechtlerin Katharina Körber-Risak weist auf die Möglichkeit hin, dass sich das Burgtheater bei so schweren öffentlichen Vorwürfen den Polizeiakt hätte vorlegen lassen können. Dann wäre das sofortige Geständnis Teichtmeisters auch gegenüber der Burg offenbart gewesen. Bei Verweigerung regelmäßiger Akteneinsicht hätte man den Schauspieler zumindest bis zum Abschluss der Ermittlungen suspendieren können. Kušejs Abgang wird von diesem Managementfehler überschattet sein. Die Bundestheater-Holding wird sich wohl im Umgang mit solchen Fällen ein neues Compliance-Regelwerk verpassen müssen, das den Schutz der Unschuldsvermutung, den Schutz Betroffener, aber auch das Ansehen der Institution wahrt und diese Grundrechte gegeneinander abwägt.

Auch "Corsage"-Regisseurin Marie Kreutzer hätte sich jetzt, auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, wohl harte Kritik auf Social Media erspart. Teichtmeister stand zwar nicht mehr am Set, als die Sache aufflog, aber er war etwa bei der Premiere in Wien dabei. Die Akten musste er auch ihr nicht vorlegen, da Teichtmeister "glaubhaft versichert" habe, "dass die Gerüchte um seine Person falsch seien"."Er ist Schauspieler", sagt ein Kollege lakonisch zum Falter.

Man muss hinzufügen: Er war es.


Zum Thema Missbrauch in Kulturinstitutionen siehe auch den Bericht von Lina Paulitsch auf Seite 31

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