Wo ist Jonas?

Peter Iwaniewicz erzählt im Word-Rap vom Waldrapp

Natur, FALTER 6/2023 vom 08.02.2023

Zeichnung: Georg Feierfeil

Jonas ist falsch abgebogen. Letzten August ist er mit seiner Reisegruppe nach Italien aufgebrochen, hat dann aber den Kontakt zu den anderen verloren. Niemand wusste, wo er war, bis er Anfang November im streng bewachten Eufor-Hauptquartier nahe Sarajevo wieder auftauchte. Seitdem wird "der Weltenbummler" - wie es der Standard formulierte - von Soldaten überwacht. Diese sollen ihm aber keine Nahrung geben.

Eine österreichische Organisation wollte ihn abholen, doch auf militärischem Gelände gilt Betretungsverbot und bei einer Einreise nach Österreich aus einem Nicht-EU-Land gibt es verwaltungstechnische Hürden.

Wenn ich jetzt flachwitzeln würde, dass Jonas ein Rapper aus dem Wald sei, dann böge diese Geschichte falsch ab. Denn Jonas ist ein Waldrapp, ein etwa gänsegroßer Ibis. Diese Vögel waren bis ins 17. Jahrhundert von Süddeutschland über den ganzen Balkan bis Nordafrika und den Nahen Osten weit verbreitet. Im Alten Ägypten waren sie Seelenvögel und im Islam sind sie Glücksbringer, die Pilger nach Mekka begleiten. In Europa haben Menschen sie gejagt und gegessen, bis weltweit nur mehr 220 Tiere in freier Wildnis lebten. Und auch heute ist die erste Reaktion auf den Waldrapp meist Bodyshaming: "Der ist aber hässlich."

Aktuell gibt es wieder etwa 1400 wilde Waldrappe und circa 2000 Tiere in Zoos, die durch engagierte Nachzuchtprogramme eine Wiederansiedlung erst möglich gemacht haben. Die weltweit größte Waldrapp-Voliere befindet sich übrigens in Waidhofen an der Thaya. Das größte Problem bei der Auswilderung von Zugvögeln ist, dass junge Waldrappe die Flugroute in den Süden von ihren Eltern lernen müssen. Aufgezogene Jungtiere fliegen zwar im August weg, aber jeder für sich in verschiedene Richtungen. Daher werden sie von ihren menschlichen Eltern-Substituten mit vorausfliegenden Leichtflugzeugen angeleitet. Da kann vieles falsch laufen, und so landete Jonas auf einem Gelände multinationaler Militärverbände der Europäischen Union.

Dank des anfangs milden Winters konnte Jonas dort selbst Nahrung finden, aber das wird jetzt durch den Schneefall unmöglich. Fütterung würde das Auswilderungsprogramm stören, daher muss der Vogel eingefangen und nachhause gebracht werden.

So weit, so gut, doch die Cites-Konvention, das Übereinkommen über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten frei lebender Tiere und Pflanzen, fordert eine formale Einfuhrgenehmigung. Und da er nicht von selbst über die Grenze flog, ist er vorerst "Lost in Administration".

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