Die Welt in Wien: sechs Wochen Theater

Am 12. Mai beginnen die Wiener Festwochen 2023. In seiner letzten Ausgabe schöpft Intendant Christophe Slagmuylder noch einmal aus dem Vollen und bringt internationales Theater nach Wien. Welche Highlights bietet das Programm?

Martin Pesl, Sara Schausberger
FALTER:Woche, FALTER:Woche 19/2023 vom 09.05.2023

Das Stück „Pieces of a Woman“ kommt endlich auch nach Wien (Foto: Natalia Kabanow)

Wie war das eigentlich mit der Sowjetunion?

Im März 2022 musste Marina Davydova aus Russland fliehen. Die designierte Schauspielchefin der Salzburger Festspiele leitete das Moskauer NET-Festival für neues europäisches Theater und war Chefredakteurin eines russischen Theatermagazins. Ihr „Museum of Uncounted Voices“ erzählt historisch und persönlich von den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Multiperspektivisch erklärt die Performance, wie bestimmte Grenzen von der Sowjetmacht gezogen wurden und warum viele Grenzen Zeitbomben waren, die gerade in die Luft gehen.

Odeon, 22. bis 24.5., 26.5., 27.5., 17.00 und 21.00


Lido-Lust auf Litauisch

Endlich! Vier Jahre hat es gedauert, bis das Performance-Ereignis des Jahres 2019 in Wien angekommen ist. Das hohe Semperdepot mit seinen Galerien, von denen aus man nach unten auf singende Menschen im Strandurlaub schauen kann, ist der perfekte Ort für die Operninstallation „Sun & Sea“ des litauischen Teams rund um Regisseurin Rugilė Barzdžiukaitė. Bei der vorletzten Biennale in Venedig hatte sie Premiere und gewann einen Goldenen Löwen. Warum, das lässt sich nicht beschreiben, nur selbst erleben.

Atelierhaus der Akademie der bildenden Künste, 19. bis 23.5., Loops ab 18.30


Freches, weises Püppchen

Am Anfang steht der Appell, an Wunder zu glauben. In diesem Jahr bieten die Festwochen mit „Pinocchio“ auch ein Stück für Kinder (ab sieben Jahren). Regisseurin und Filmemacherin Wu Tsang spürt mit ihrer Kompanie Moved by the Motion der Verwandtschaft Pinocchios zu den Bäumen nach. Wenn er einmal eine Pinie war, dann bringt er auch all die Erfahrungen eines Baumes mit, dachten sich die Künstler:innen.

Bildmächtig, poetisch und fantasievoll ist die Inszenierung aus dem Schauspielhaus Zürich. Es treten eine besserwisserische Amsel und eine ruhige Schnecke auf, die im Original nicht vorkommen, aber hier durch die Geschichte führen. Auch Erwachsene dürften eine Freude damit haben.

Volkstheater, 3. und 4.6., 17.00


Stücke einer Frau

Die Hausgeburt dauert, dann läuft etwas schief: Das Baby stirbt. „Pieces of a Woman“ von Kornél Mundruczós (Regie) und Kata Wébers (Text) beginnt mit einer halbstündigen Geburtsszene. Die Livekamera kommt Justyna Wasilewska als gebärender Maja nahe: Wir sehen ihr Gesicht, ihre Erschöpfung, ihre Vorfreude, ihren Schmerz (für die Darstellung wurde Wasilewska mehrfach ausgezeichnet). Im Trauerprozess entscheidet Maja ihren eigenen Weg zu gehen, als die Großfamilie sechs Monate später meint, es besser zu wissen.

Vielen dürfte „Pieces of a Woman“ als Netflix-Drama ein Begriff sein. Der amerikanische Film folgte auf die extrem erfolgreiche Bühnenproduktion am TR Warszawa. Nun kommt das Stück endlich auch nach Wien. Mundruczó fordert in seinen Inszenierungen die Realität heraus: Leichte Dissonanzen und surreale Momente durchsetzen das naturalistische Spiel. Der Film ist reines Drama, auf der Bühne blitzt manchmal auch der Humor hervor.

Akademietheater, 14. bis 18.5., 19.30


Vom Mistplatz zum Familientreffen

Sarah Vanhees Performance zählte zu den Überraschungen der Festwochen 2019: In „Oblivion“ breitete sie über mehrere Stunden analogen und digitalen Müll auf der Bühne aus. Ein Jahr lang hatte die belgische Künstlerin etwa Zeitungen, Spam-Mails und Plastikflaschen gesammelt, um herauszufinden, welchen Wert Dinge haben und was wir hinterlassen. Das Ergebnis war witzig, klug, berührend, persönlich und politisch.

Aus dem Privaten schöpft Vanhee auch für ihr neuestes Stück. „Mémé“ stellt die Lebensgeschichten ihrer Großmütter ins Zentrum. Beide stammten aus Flandern, hatten viele Kinder und arbeiteten hart. Die Lebensumstände der Künstlerin unterscheiden sich fundamental von jenen ihrer Omas, und sie fragt sich: Wer wird heute ausgebeutet, damit Menschen wie sie sich verwirklichen können?

Theater Nestroyhof Hamakom, 21. bis 23. sowie 25.5., 20.00, 26.5., 18.00


Grenzsituationen

Zuletzt gastierte die iranische Regisseurin Afsaneh Mahian 2016 bei den Wiener Festwochen. „Die Anpassung“ spielte in einer Küche, drei Frauen aus drei Generationen erzählten ihre Lebensgeschichten. Die reduzierte und persönliche Kochshow war dokumentarisch entstanden.

„Das Kind“ (Text: Naghmeh Samini) basiert nun auf semidokumentarischem Material. Drei Frauen aus drei unterschiedlichen Ländern müssen an einer Grenze Verhöre über sich ergehen lassen; sie alle sind auf der Flucht und suchen nach Schutz. Mit ihnen ist ein Neugeborenes, zu dem sich keine der Frauen bekennt. „Sie versuchen das Kind und seine Zukunft zu retten“, erklärt die Regisseurin. Im Falle einer Abschiebung könne es so vielleicht im sicheren Zielland bleiben.

Auf reduzierter Bühne verkörpert die iranische Star-Schauspielerin Fatemeh Motamed-Arya alle drei Frauen. Auf einer schmalen Sandbank zwischen den Publikumstribünen werden diese von Grenzbeamten verhört. Auf welchem Boden dürfen sie stehen? Und wovon trennt sie die schmale Grenzlinie, die sie nicht übertreten dürfen?

Museumsquartier, Halle G, 4. bis 7.6., 20.30


Sprache gegen Musik

Verquere Alltagsprobleme, die in poetische Gefilde aufsteigen, kennt man vom japanischen Regisseur und Schriftsteller Toshiki Okada. Für das Musiktheater „Verwandlung eines Wohnzimmers“ tat er sich mit dem Komponisten Dai Fujikura zusammen. Auf der Bühne liefern sich Mitglieder von Okadas Gruppe chelfitsch mit dem Klangforum Wien eine Schlacht Sprache gegen Musik.

Museumsquartier, Halle G, 13. bis 15.5., 20.30


Melancholie auf dem Spielplatz

Manchmal stimme sie der Spielplatz melancholisch, meint Doris Uhlich. Wer spielt mit wem welche Spiele? Für wen wurden die Geräte gemacht? Für „Melancholic ground“ schickt die Choreografin Tänzer:innen unterschiedlicher Generationen auf den Spielplatz, auch eine Performerin im Rollstuhl ist dabei. Die Spielgeräte werden zur Bühne. Der Eintritt ist frei.

Donaupark, Sparefroh-Spielplatz, 7. und 9.6., 20.00, 8. und 10.6., 9.00


Die vielen Leben der Antigone

Antigone kämpft dafür, einen Toten begraben zu dürfen. Die mythologische Figur ist die Protagonistin des Jahres 2023 schlechthin. In München und Berlin gibt es Variationen der Tragödie aus der griechischen Mythologie; in Zürich „Antigone in Butscha“ und in Gent vom künftigen Festwochen-Intendanten Milo Rau „Antigone im Amazonas“.

Raus politisch aktuelle Version betrifft eine dringend nötige Landreform in Brasilien, wo Grund und Boden sehr ungerecht verteilt sind. In der Aufführung gibt es folgerichtig einen Chor der Landlosen, aber auch die antiken Figuren Antigone, Eurydike, Kreon und Haimon. Teil des Ensembles ist die indigene Schauspielerin Kay Sara.

Burgtheater, 25. bis 27.5., 20.00


Ödnis kann auch lustig sein

Ein Rockerleben führt „Onkel Wanja“ mit seiner Nichte Sonja in dieser litauischen Inszenierung des slowenischen Regisseurs Tomi Janežič – freilich ohne Ruhm, Reichtum und Konzerttournee. Er hängt einfach ab.

Langeweile auf nicht langweilige Art zu präsentieren, ist eine besondere Kunst. Mit speziellem Humor erfasst Janežič die frustrierende Zachheit, die das Dasein auf dem Land in Anton Tschechows Tragikomödien auszeichnet. Der Abend ist lang, mit zwei Pausen aber durchaus bekömmlich.

Theater Akzent, 31.5., 1.6., 18.30


Ihr Kinderlein, kommet

Kinder auf der Bühne, das ist heikel. Sie sind natürlich herzig und alle schauen hin. Spielen Kinder allerdings richtig gut, verpufft der Vorwurf der Effekthascherei. So in der Produktion „Kingdom“ der belgischen Regisseurin Anne-Cécile Vandalem.

Ein paar Erwachsene – und Jugendliche – sind auch dabei in dieser freien Interpretation wahrer Begebenheiten: Im Stück besucht ein Filmteam eine Familie, die vor vielen Jahren nach Sibirien ausgewandert sind, um der Zivilisation zu entfliehen. Die Probleme sind dadurch nicht weniger geworden: Den Jugendlichen ist fad, die Erwachsenen haben sich bis aufs Blut zerstritten, die Natur ist unbarmherzig, der Weltuntergang macht auch vor dem selbst gemachten Königreich nicht halt.

Jugendstiltheater, 13., 14.5., 18.00; 15., 16.5., 20.00

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