Bühnenbeschimpfung und Publikumsliebe

Der Kalender zeigt zwar noch Sommer, für die Wiener Bühnen beginnt mit Anfang September aber der Theaterherbst. Die erste Premiere der Saison liefert das Burgtheater mit Shakespeares „Sommernachtstraum“

FALTER:Woche, FALTER:Woche 35/2023 vom 29.08.2023

„Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ erzählt davon, wie der Erfolg der Frau den Stolz ihres Mannes verletzt (Foto: Matthias Horn)

Liebeswirren und Tränen

Wie der Erfolg der Frau den Stolz ihres Mannes verletzt, erzählt „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“. Es kommt zur Scheidung, und die arrivierte Modedesignerin Petra von Kant (gespielt von Dörte Lyssewski) gerät in eine Lebenskrise. Als sie das junge Model Karin (Nina Siewert) kennenlernt, entwickelt sich eine Liebesbeziehung. Doch auch die geht nicht gut. Lilja Rupprecht inszeniert das Theaterstück von Werner Maria Fassbinder, das der Dramatiker und Filmregisseur 1972 selbst verfilmte, am Akademietheater.

Die Liebe dominiert auch Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“, am Burgtheater unter Barbara Freys Regie zu sehen. Allerdings geht es hier um einiges fröhlicher zu. Schauplatz der Komödie ist ein Wald. Dort nehmen die Liebeswirren um zwei Paare ihren Lauf, als Elf Puck sich einmischt. Gleichzeitig proben die Handwerker eine Tragödie, und das Elfenpaar Oberon und Titania streitet.

„Sommernachtstraum“: Burgtheater, ab 3.9. „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“: Akademietheater, ab 5.9.

Spektakuläre Wiederaufnahmen

Wegen des großen Erfolgs nimmt das Tanzquartier Wien (im Volkstheater) Florentina Holzingers Performance „Ophelia’s Got Talent“ und das Kosmos Theater Sara Ostertags „Die Milchfrau“ wieder auf. Holzingers feministisches Wasserspektakel mit Captain Hook, singenden Nixen und Helikoptereinsatz macht Spaß und berührt. Auch Ostertags Inszenierung von Alja Rachmanowas Roman ist spektakulär: Als choreografisches Musical in einem großen Wasserbecken erzählt der Abend von Flucht, Armut und Mutterschaft. Viel Glück beim Versuch, Karten zu checken!

„Ophelia’s Got Talent“: Volkstheater, 21. bis 24.10. „Die Milchfrau“: Kosmos Theater, 24. bis 30.10.

Maria Lazars Erbe

Erst vor wenigen Jahren wurde die österreichische Autorin Maria Lazar neu entdeckt und ihr dramatisches Werk erstmals 2019 mit „Der Henker“ am Akademietheater wieder auf die Bühne gebracht. Nun zeigt auch das Theater Nestroyhof Hamakom ein Stück der 1948 Verstorbenen. „Der Nebel von Dybern“ widmet sich verschiedenen Formen des Widerstands und der heute erneut hochaktuellen Frage „Ist es moralisch vertretbar, in eine Welt, die diese Formen angenommen hat, ein Kind zu setzen?“. Es inszeniert Bérénice Hebenstreit (Foto).

Theater Nestroyhof Hamakom, ab 28.9.

Theater mit Selbstbezichtigung

Das Schauspielhaus hat eine neue, vierköpfige Intendanz: Marie Bues, Martina Grohmann, Tobias Herzberg und Mazlum Nergiz bilden die Leitungsgruppe. Zeitgenössische Texte stehen weiterhin im Mittelpunkt des Theaters, los geht es mit einer Selbstbezichtigung: Sivan Ben Yishais Erfolgsstück „Bühnenbeschimpfung“, eine Anspielung auf Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“, greift das Theater, seine Machtstrukturen und seine Arbeitsbedingungen an. Das Foto zeigt einen Teil des neuen Ensembles.

Schauspielhaus, ab 3.11.

Scheinmoral und Machtmissbrauch

David Bösch ist in Wien kein Unbekannter. Von 2013 bis 2016 war der Deutsche Hausregisseur am Burgtheater und machte sich mit Inszenierungen wie Kroetz’ „Stallerhof“ oder Schwabs „Präsidentinnen“ einen Namen. Heuer eröffnet Bösch mit „Die Stützen der Gesellschaft“ die Saison im Theater in der Josefstadt. Henrik Ibsens kaum noch gespieltes Drama erzählt von einem ​Geschäftsmann, der sich auf gemeine Art und Weise bereichert. Das Stück entlarvt die Scheinmoral einer bürgerlich-kapitalistischen und patriarchalen Gesellschaft.

Die Kammerspiele, die Nebenspielstätte des Hauses, starten mit „Der zerbrochene Krug“. In Kleists Komödie spricht ein Richter über ein Vergehen, das er selbst begangen hat, und versucht dreist, die Wahrheit zu vertuschen und seine Machtposition zu missbrauchen. Amélie Niermeyer inszeniert. Das könnte spannend werden, zeichnete die Regisseurin 2019 doch für den ausgezeichneten „Kirschgarten“ an der Josefstadt verantwortlich.

„Stützen der Gesellschaft“: Theater in der Josefstadt, ab 7.9. „Der zerbrochene Krug“: Kammerspiele, ab 9.9.

Gameshow und Theater für Österreich

Claudia Bauer bescherte dem Volkstheater mit ihrer Ernst-Jandl-Inszenierung „humanistää!“ die erste Einladung zum renommierten Berliner Theatertreffen seit über 50 Jahren. Nun nimmt sich die deutsche Regisseurin einen weiteren österreichischen Stoff vor: Ingeborg Bachmanns ersten und letzten Roman „Malina“. Die Geschichte rund um die Ich-Erzählerin zwischen zwei Männern, die nächtens von Albträumen heimgesucht wird, ist ungleich düsterer als Jandls sprachspielerische Texte, dementsprechend ernster dürfte die Inszenierung geraten. Peer Baierlein komponiert wieder die Lieder und die Musik; es spielt das fantastische Volkstheater-Ensemble, darunter Samouil Stoyanov, der Schauspieler des Jahres.

Erst kürzlich hat Volkstheater-Intendant Kay Voges beschlossen, Wien nach nur einer Amtszeit zu verlassen. Seine neueste Inszenierung heißt passenderweise „Du musst dich entscheiden!“ und ist eine Satire auf die großen Samstagabend-TV-Unterhaltungsshows.

„Malina“: ab 8.9.; „Du musst dich entscheiden!“: ab 15.9. (beide Volkstheater)

Pandemie-Drama

Eine Pandemie prägt Jean-Luc Lagarces Drama „Einfach das Ende der Welt“. Der französische Autor selbst erlebte die Uraufführung im Oktober 1999 nicht mehr; er war an der Krankheit gestorben, von der sein Text handelt. Der vermeintliche Klassenaufsteiger Louis macht sich im Stück nach langer Zeit auf den Weg zu seiner Familie auf dem Land. Er will ihr von seiner HIV-Infektion erzählen. Lagarces Figuren suchen nach Worten, die Sprache gerät zur Klassenfrage.

Nun bringt das feministische Kosmos Theater die österreichische Erstaufführung auf die Bühne. Es inszeniert Matthias Köhler, der vergangene Saison mit der Regie des Homosexuellen-Dramas „Bent“ am Hamakom auffiel. Auch das Ensemble (Foto) kann sich sehen lassen, es spielen: Annabel Hertweck, Clara Liepsch, Nicolas Streit, Martina Spitzer und Daniel Wagner.

Kosmos Theater, ab 6.9.

Handke im Gemeindebau

Peter Handkes genial betiteltes Sprechstück „Publikumsbeschimpfung“ (1966) zielt weniger auf das Publikum als vielmehr das Theater selbst ab. Vier Personen sprechen mit den Zuschauer:innen, beschwören den Tod des Theaters – und beschimpfen sie schließlich. In der Inszenierung von Matthias Jodl tritt die Schauspielerin Tanja Raunig zusammen mit der Rockband Kreisky auf. Das Theater im Rabenhof wird diesen Herbst 20 und findet gar nicht wirklich, dass das Theater tot ist.

Rabenhof, ab 27.9.

Kriege und Könige

Das Tag, das heuer seinen 40er als Theaterhaus feiert, zeigt Überschreibungen bekannter Stoffe und Improvisationstheater. Die erste Premiere im Herbstprogramm inszeniert der künstlerische Leiter Gernot Plass selbst. Shakespeares Königsdrama „Heinrich 5“ handelt vom Leben des englischen Herrschers und den Kriegen, die er führte. Was veranlasst einen Staat, seinen Nachbarn zu überfallen, fragt Plass in seiner Überschreibung – und welche Interessen treiben den Krieg?

Tag, Theater an der Gumpendorfer Straße, ab 25.10.

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