Gefühlte Wahrheit

Peters Tiergarten, FALTER 36/2023 vom 05.09.2023

Foto: Georg Feierfeil

Wie fühlen Sie sich, wenn Sie die Seiten des Natur-Ressorts im Falter aufschlagen? Spüren Sie Freude über die Texte, die Sie hier finden werden, oder macht sich eine leichte Beklemmung über zu erwartende dystopische Nachrichten zum Zustand der Natur breit?

Paul Ekman, ein US-amerikanischer Psychologe, hat sieben grundlegende Emotionen beschrieben, aus denen sich dann weitere, komplexere Gefühle zusammensetzen: Freude, Wut, Ekel, Furcht, Verachtung, Traurigkeit und Überraschung. Ja, nur eine der Empfindungen davon ist eindeutig positiv. Aus Sicht der Evolutionsbiologie hat das durchaus Sinn, dass man Begegnungen mit anderen Lebewesen tendenziell negativ gegenübersteht. Wenn einem das Alphamännchen oder ein Raubtier begegnet, dann hilft in den meisten Fällen ein Gefühl der Freude nicht beim Überleben.

Aus der Kognitionsforschung wissen wir, dass jede Verhaltensänderung die Aussicht auf eine starke Belohnung braucht. Die neue unheilige Dreifaltigkeit der globalen Krisen – Erderhitzung, Artensterben und Plastikmüll – zeigen uns zwar die Probleme auf, aber Furcht und Wut motivieren uns nicht zu konstruktivem Umdenken.

Brauchen wir also noch mehr Fakten? Das Stammhirn, also unser Verstand, bewertet Informationen vergleichsweise langsam als „richtig“ oder „falsch“. Das limbische System, also der stammesgeschichtlich alte Teil des Gehirns und Sitz unserer Gefühle, entscheidet jedoch viel schneller mit „mag ich“ oder „mag ich nicht“. Entscheidungen werden emotional getroffen!

Dazu passt sehr gut der Buchsbaumzünsler, dessen den gleichnamigen Busch fressende Raupe zutiefst gehasst wird. Jetzt aber, wo er als erwachsener Falter gerade häufig zu sehen ist, finden alle diesen Schmetterling mit seinen seidig-weißen, braun gesäumten Flügeln in den sozialen Medien ganz allerliebst. Eine Frau, Mitglied des deutschen Naturschutzbunds, berichtete online über ihre naturnahen Versuche, den Zünsler händisch von der Unterseite der Blätter abzuklauben und den Busch nach jedem Regen mit Teebaumöl frisch einzuspritzen.

Doch ihre Freude verwandelte sich in Wut, da sie davon nur Rückenschmerzen bekam, die Raupen aber nicht weniger wurden. Nach drei Jahren Ärgernis riss sie quasi im Affekt den ganzen Strauch heraus und freut sich jetzt über einen anderen hübschen Busch, auf dem viele Bienen weiden.

Oft ist es einfacher, die Perspektive zu ändern und einen neuen Zugang zu finden, als mit einem „Jetzt erst recht“ weiterhin im Unglück zu verharren.

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